Rhein-Neckar/Mannheim/Berlin, 28. Juli 2026. (red/pro) Nach dem Anschlag am Rand des Berliner CSD mit einer Toten und 29 Verletzten begann das vorhersehbare Ritual: Eilmeldungen, Liveticker, Sondersendungen, Politikerstatements, Trauerbekundungen, Forderungen und die Versicherung, man werde sich nicht einschüchtern lassen. Die Wirkung eines Terroranschlags reicht weit über den Tatort hinaus: Der Täter liefert die Gewalt – Medien, Politik und soziale Netzwerke verschaffen ihr Reichweite. Dieser Beitrag untersucht, warum Terrorismus vor allem Kommunikation ist und wie Journalismus und Gesellschaft verhindern könnte, zum Verstärker seiner Botschaft zu werden. Wenige Tage später werden Medien, Politik und öffentlicher Betrieb sonst wie gewohnt weiterziehen. Die direkten und indirekten Opfer können es nicht.
Journalistische Arbeit ist wertvoll – hier können Sie uns unterstützen. Danke vorab!
Von Hardy Prothmann
Die entscheidende Frage bleibt erneut unbeantwortet: Warum kann ein einzelner Täter mit begrenzten Mitteln die Aufmerksamkeit eines ganzen Landes beherrschen und politische wie gesellschaftliche Reaktionen auslösen, die weit über die unmittelbaren Folgen der Tat hinausreichen?
Wir diskutieren über Täter, Motive, Messer, Fahrzeuge, Waffen, Behördenversagen und Sicherheitskonzepte – aber kaum über die eigentliche Mechanik des Terrorismus.
Terrorismus ist Kommunikation
Wer Terrorismus ausschließlich als Gewalttat versteht, hat ihn nicht verstanden. Die Tat ist der Auslöser. Die Kommunikation ist das Ziel.
Terrorismus will mit möglichst geringem Aufwand eine möglichst große psychologische, politische und gesellschaftliche Wirkung erzielen. Dafür braucht ein Täter keine Armee. Er ist die Armee. Ein Messer kann genügen, ein Auto oder eine selbstgebaute Bombe. Mit einem einzigen Angriff kann er innerhalb weniger Minuten Nachrichtensendungen, Startseiten, soziale Netzwerke und die politische Kommunikation beherrschen.
Der Täter – und das ideologische Umfeld, das nicht einmal einen konkreten Befehl geben muss – kalkuliert deshalb nicht nur die unmittelbaren Opfer ein. Er kalkuliert Kameras, Push-Nachrichten, Liveticker, Talkshows, Bilder, Empörung, Angst und politische Reaktionen ein. Der Anschlag ist eine Botschaft an ein Millionenpublikum.
Das mediale Ritual
Nach jedem Anschlag wiederholt sich dieselbe Dramaturgie: Eilmeldung, Liveticker, erste Videos, Augenzeugen, Spekulationen, Politiker, Experten, Kommentare, Schuldzuweisungen und Forderungen. Jedes Medium will schneller und exklusiver sein, jeder Sender mehr Bilder zeigen, jedes Portal länger live bleiben, jeder Politiker sichtbar reagieren und jede Plattform Interaktion erzeugen. Dazu kommen Fake News.
Mit anderen Worten: Der Terror gibt das Motiv vor. Medien, Politik und soziale Netzwerke bilden das Orchester, dessen Stimmen sich in Lautstärke und Dramatik gegenseitig zu überbieten versuchen – bis aus der einzelnen Tat eine gesellschaftliche Kakophonie wird.
Innerhalb ihrer jeweiligen Logik handeln alle rational. Journalisten wollen informieren, Politiker Haltung zeigen, Plattformen Reichweite erzeugen und Nutzer verstehen, urteilen und teilen. Der Terrorist will Aufmerksamkeit. Diese Systeme verstärken sich gegenseitig.
Es entsteht eine fatale Verbindung aus Gewalt und Aufmerksamkeitsökonomie – nicht, weil Journalisten Terror unterstützten oder Redaktionen sich Anschläge als Reichweitenbooster wünschten, sondern weil Terrorismus und moderne Medien um dieselbe wertvolle Ressource kämpfen: Aufmerksamkeit.
Marshall McLuhan prägte den Satz: „The medium is the message.“ Das Medium transportiert eine Botschaft nicht nur, es verändert ihre Wirkung und schließlich ihren gesellschaftlichen Charakter. Ein lokaler Gewaltakt wird durch Livebilder, Push-Nachrichten, Endlosschleifen und soziale Netzwerke zu etwas anderem: zu einem jederzeit und überall miterlebten Ereignis. Die terroristische Botschaft steckt deshalb nicht allein im Motiv des Täters. Sie entsteht auch durch die mediale Form ihrer Verbreitung.
Mannheim und Berlin: zwei Anschläge, dieselbe Mechanik
Der Messerangriff auf dem Mannheimer Marktplatz am 31. Mai 2024 erschütterte Millionen Menschen zu Recht. Der Polizeibeamte Rouven Laur griff ein, um andere zu schützen, und wurde dabei mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Am 2. Juni 2024 starb er an seinen Verletzungen. Für die Wirkung der Tat war jedoch noch etwas anderes entscheidend: Der Angriff wurde zufällig live auf YouTube übertragen.
Der bis dahin als integriert geltende Täter brauchte weder eine eigene Kamera noch eine Propagandaplattform. Die Bilder waren bereits vorhanden. Sie wurden kopiert, verbreitet, kommentiert, analysiert und millionenfach angesehen. Die mediale Infrastruktur verwandelte eine lokale Tat beinahe augenblicklich in ein nationales und internationales Ereignis. Eine größere Bühne hätte sich ein Terrorist kaum wünschen können.
Berlin zeigte dieselbe Wirkungslogik. Nach bisherigem Kenntnisstand griff der Täter nicht den besonders gesicherten Kern des Christopher Street Day (CSD) an, sondern dessen Rand: den Übergang zwischen geschützter Veranstaltung und öffentlichem Alltag. Wer ein Ziel härtet, verlagert das Risiko. Anreisewege, Haltestellen, Parkplätze, Ausgänge und Nebenstraßen bleiben verwundbar.
Der physische Schutzring der Veranstaltung hat den Angriff möglicherweise auf den Rand verlagert, wo es eben keinen Schutz gab. Innerhalb weniger Minuten war die Tat auf Startseiten, in Livetickern, Nachrichtensendungen und sozialen Netzwerken präsent.
Mannheim und Berlin belegen damit beispielhaft dieselbe Hauptthese: Der Täter setzt die Gewalt in Gang; ihre gesellschaftliche Reichweite stellen andere her. In Mannheim lieferten vorhandene Livebilder die Bühne. In Berlin genügte die symbolische Nähe zum CSD, um trotz des geschützten Veranstaltungskerns maximale Aufmerksamkeit auszulösen.
Der eigentliche Anschlag beginnt danach
Ein Terroranschlag endet nicht am Tatort, sondern erreicht nach der Tat seine volle Wirkmacht: in Redaktionen und sozialen Netzwerken, in Parlamenten, Talkshows und Kommentarspalten, am Arbeitsplatz, am Stammtisch und in Familien.
Das ist keine pauschale moralische Schuldzuweisung, sondern zunächst eine Beschreibung der systemischen Funktionsweise. Daraus folgt jedoch Verantwortung für jeden, der an der Verbreitung und Verstärkung beteiligt ist.
Der aktuelle Anschlag mitten in Berlin zählt nicht nur eine Tote und 29 unmittelbar körperlich Verletzte. Betroffen sind außerdem Angehörige, Freunde, Augenzeugen, Polizisten, Rettungskräfte, Ärzte und Pflegekräfte. Hinzu kommen Millionen psychologisch adressierte Zuschauer. Nicht jeder von ihnen wird traumatisiert. Aber alle sollen dieselbe Botschaft empfangen: Ihr seid verwundbar. Der Staat kann euch nicht überall und jederzeit schützen. Jeder öffentliche Ort kann zum Tatort werden.
Der Terrorist liefert den Funken. Die Gesellschaft macht daraus selbst den Flächenbrand: Redaktionen verbreiten und dramatisieren, politische Akteure jeder Couleur laden die Tat auf, soziale Netzwerke wiederholen sie millionenfach. So wird aus begrenzter Gewalt ein nationales psychologisches und politisches Großereignis.
Die Angst und das wirkliche Risiko
Die nüchterne Wahrheit lautet: Für einen Menschen in Deutschland ist das Risiko, bei einem Terroranschlag getötet zu werden, verschwindend gering. Man stirbt mit vielfach höherer Wahrscheinlichkeit im Straßenverkehr, an einer Infektion oder bei einem gewöhnlichen Unfall. Vermutlich wird man tatsächlich eher von einem herabfallenden Blumenkasten erschlagen als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. Trotzdem prüft kaum jemand beim Spaziergang misstrauisch die Befestigung sämtlicher Blumenkästen über seinem Kopf aus Angst um Leib und Leben.
Vor Blumenkästen haben wir keine gesellschaftliche Angst. Vor Terror schon. Denn ein tödlicher Haushalts- oder Verkehrsunfall bleibt gewöhnlich das, was er ist: ein Unglück. Er besitzt keinen Absender, keine Botschaft und keine Bilder, die tagelang wiederholt werden. Der Terroranschlag dagegen wird erzählt, symbolisch aufgeladen, politisch übersetzt und kollektiv verankert. Das objektiv winzige Risiko erhält dadurch eine psychologische Größe, die es statistisch niemals erreichen kann.
Genau darin liegt der Erfolg des Terroristen: Er muss nicht Millionen Menschen körperlich bedrohen. Es genügt, wenn Millionen Menschen sich bedroht fühlen. Daraus entsteht für jeden Einzelnen Verantwortung: Trägt er zur Aufklärung und zur gesellschaftlichen Resilienz bei – oder hält er den emotionalen Brand durch Wiederholung, Spekulation und Empörung am Leben?
Der strategische Erfolg
Der strategische Erfolg des Terroristen bemisst sich nicht allein an der Zahl der Getöteten und Verletzten. Er zeigt sich darin, wie stark der Anschlag das Verhalten des angegriffenen Gemeinwesens verändert.
Erstens verändert er die Sicherheitspolitik. Nach jeder Tat wächst der Druck, mehr Personal, Überwachung, Sperren und Befugnisse bereitzustellen. Ein Teil davon kann notwendig und sinnvoll sein. Doch Ressourcen sind begrenzt, und jede zusätzliche Maßnahme hat Kosten – finanziell, praktisch und mitunter auch für Freiheitsrechte. Zugleich verlagern Schutzmaßnahmen das Risiko häufig nur vom gesicherten Kern an seine Ränder. Der Staat muss immer mehr Orte schützen, während der Täter Zeit und Ziel wählen kann. Mancherorts werden bereits Veranstaltungen verkleinert, verändert oder ganz abgesagt, weil Veranstalter die gestiegenen Sicherheitsanforderungen nicht mehr finanzieren können.
Zweitens verschärft der Anschlag die Polarisierung. Parteien, Aktivisten und Meinungsmilieus ordnen die Tat umgehend in ihre bestehenden Weltbilder ein. Die einen sehen vor allem Migration und Islamismus, andere gesellschaftliche Ausgrenzung oder ein Versagen der Sicherheitsbehörden. Aus der Suche nach Erkenntnis wird ein Kampf um politische Deutung. Pauschaler Verdacht, Abwehrreflexe, Kontaktschuld und Feindbilder nehmen zu.
Gerade Täter wie der 21-jährige Abdul Ballout zerstören einfache Erklärungsmuster. Er wurde in Deutschland geboren und galt als integriert. Herkunft, Pass und äußerlich gelungene Integration bilden daher keine verlässliche Grenze zwischen „uns“ und einer möglichen Bedrohung. Diese lässt sich weder an der Staatsangehörigkeit noch am äußeren Erscheinungsbild erkennen. Ballout war bereits straffällig geworden und verurteilt worden. Es hatte Maßnahmen zur Deradikalisierung gegeben, zudem wurde er von Sicherheitsbehörden observiert. Dennoch konnte er den Anschlag planen und ausführen.
Drittens beschädigt Terror das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern. Nach Anschlägen diskutiert der Staat regelmäßig über mehr Kontrolle und setzt einen Teil dieser Forderungen um, weil er sein Schutzversprechen erfüllen muss. Gleichzeitig erlebt die Bevölkerung, dass absolute Sicherheit trotz aller Maßnahmen unmöglich bleibt. Daraus entsteht ein doppelter Vertrauensverlust: Manche halten den Staat für zu schwach, andere für zunehmend übergriffig. Beide Reaktionen schwächen dessen Legitimität.
Darin liegt der strategische Gewinn jeglichen Terrors – unabhängig davon, welcher Ideologie er folgt. Die Gesellschaft trägt die Kosten der Tat weiter: für Bewachung und Kontrollen, für politische Konflikte, psychische Belastungen und ein wachsendes Misstrauen. Der Terrorist muss den Staat nicht besiegen. Es genügt, wenn er ihn dazu bringt, sich in einem unauflösbaren Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit selbst zu erschöpfen.
Sunzi als Deutungshilfe
Der chinesische Stratege Sunzi schrieb vor mehr als 2000 Jahren, die höchste Kriegskunst bestehe nicht in der vollständigen Zerstörung des Gegners, sondern darin, seinen Widerstand mit möglichst geringem Aufwand zu brechen. Entscheidend ist demnach nicht nur, was ein Angriff unmittelbar vernichtet, sondern was er im gegnerischen System bewirkt.
Auf den Terrorismus übertragen heißt das: Ein Anschlag ist hochgradig effizient, wenn der angegriffene Gegner die Wirkung selbst vervielfacht und zugleich die Kosten seiner eigenen Verteidigung erhöht. Sunzi kannte zwar den heutigen Begriff des Terrorismus noch nicht, beschrieb aber die taktische Logik des Angriffs auf eine ungeschützte Flanke: dort auftauchen, wo der Gegner nicht damit rechnet, den gut gesicherten Kern umgehen und dennoch dessen Symbolkraft nutzen.
Mehr braucht es von Sunzi nicht, um das Prinzip zu verstehen: Der Terrorist liefert einen begrenzten Gewalteinsatz. Die angegriffene Gesellschaft übernimmt Verbreitung, Wiederholung, Dramatisierung, Symbolisierung, Personalisierung und politische Übersetzung.
Ein Medienkodex gegen die Aufmerksamkeitsmaschine
Journalistische Verantwortung besteht nicht nur darin, korrekt zu berichten. Sie besteht auch darin, die Kommunikationsstrategie des Terrors nicht automatisch zu bedienen. Dafür braucht es keine staatlichen Vorgaben, sondern eine freiwillige, redaktionsübergreifende Selbstverpflichtung mit überprüfbaren Standards. Ein solcher Kodex könnte zugleich den Unterschied zwischen professionellem Journalismus und Medienangeboten markieren, die sich ausschließlich an Reichweite, Erregung und Interaktion orientieren.
Kernelemente eines solchen Kodex könnten sein:
- Keine Spekulationen über Täter, Motiv oder Hintergründe; Ungewissheit ausdrücklich benennen.
- Keine identifizierende Täterinszenierung, sofern Name und Bild keinen konkreten Informations- oder Fahndungszweck erfüllen.
- Keine wiederholte Ausstrahlung drastischer Tatbilder und keine ungeprüfte Weiterverbreitung von Täter- oder Augenzeugenvideos.
- Liveticker nur bei tatsächlichem fortlaufendem Erkenntnisgewinn; Korrekturen sichtbar dokumentieren.
- Keine Interviews mit angeblichen Augenzeugen ohne geprüfte Identität und belastbare eigene Beobachtung.
- Politikerstatements erst dann hervorheben, wenn sie Informationen, konkrete Entscheidungen oder nachvollziehbare Einordnungen enthalten.
- Opfer, Helfer und gesellschaftliche Folgen stärker gewichten als Biografie, Selbstdarstellung und Ideologie des Täters.
Reichweiten- und Interaktionsdaten nicht zum Maßstab der redaktionellen Intensität machen.
Eine gemeinsame Faktenplattform von Nachrichtenagenturen und beteiligten Redaktionen könnte gesicherte Informationen bündeln, den Stand der Bestätigung ausweisen und Korrekturen synchron bereitstellen. Unterschiedliche Analysen und Kommentare blieben möglich; vereinheitlicht würde lediglich der Mindeststandard im Umgang mit ungesicherten Fakten, Bildern und Täterdarstellungen.
Das wäre weder Gleichschaltung noch staatliche Kontrolle und auch keine Einschränkung der Pressefreiheit. Es wäre freiwillige journalistische Selbstbegrenzung – vergleichbar mit der weithin anerkannten Einsicht bei der Berichterstattung über Suizide, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form der Darstellung Folgen haben kann.
Es geht nicht darum, weniger über Terror zu berichten. Es geht darum, anders zu berichten: informierend statt erregend, präzise statt spekulativ, nüchtern statt ritualisiert und opferorientiert statt täterzentriert.
Die entscheidende Frage
Wie verhindern wir jeden einzelnen Anschlag? Die Antwort ist einfach: Das ist unmöglich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie verhindern wir, dass ein einzelner Täter mit einem Messer, einem Fahrzeug, einer Bombe oder einer Schusswaffe tagelang die Gedanken einer ganzen Nation beherrscht? Wie verhindern wir, dass aus einer lokalen Gewalttat ein nationales psychologisches Großereignis wird? Wie verhindern wir, dass Redaktionen, Plattformen und Politik genau jene Wirkung vervielfachen, die der Täter beabsichtigt?
Terrorismus beginnt mit einer Gewalttat. Sein Erfolg entsteht durch Aufmerksamkeit.
Solange wir darüber nicht reden, diskutieren wir nach jedem Anschlag über alles Mögliche.
Nur nicht über Terrorismus.
Journalistische Arbeit ist wertvoll – hier können Sie uns unterstützen. Danke vorab!
Persönliche Nachbemerkung: Warum ich diese Debatte seit acht Jahren führe
Meine eigene Vorgeschichte gehört zur Einordnung dieses Textes. Sie soll die Analyse nicht ersetzen oder überlagern – sie erklärt aber, warum ich auf dieser Frage beharre.
2018 wollte ich genau diese Wirkungskette sichtbar machen: die ritualisierten Reaktionen der Medien und ihrer Konsumenten, die wiederkehrenden politischen Appelle und die Ausbreitung von Angst, Misstrauen und gesellschaftlicher Spaltung. Dafür veröffentlichte ich einen bewusst provokanten Text. Er begann mit einer Anschlagsfiktion, einer bewusst gesetzten Fake News mit zahlreichen absurden Fehlern, die im weiteren Text ausdrücklich als erfunden offengelegt wurde, und mündete in die Forderung nach einer Debatte über Terror, Medien und die Verwundbarkeit einer freien Gesellschaft.
Ich wollte zeigen, wie der Verdruss über einen Staat wächst, der absolute Sicherheit weder bieten kann noch jemals bieten können wird; wie sich Vorurteile gegen Fremde, Muslime oder ganze gesellschaftliche Gruppen verfestigen; und wie ein Täter längst tot, festgenommen oder verschwunden sein kann, während seine Tat noch sehr lange das Land beherrscht.
Das gefiel der Staatsanwaltschaft Mannheim nicht. Auf deren Antrag beim Amtsgericht Mannheim erhielt ich zunächst einen Strafbefehl über 90 Tagessätze. Nach meinem Einspruch verurteilte mich das Gericht zu 120 Tagessätzen wegen einer angeblichen Störung des öffentlichen Friedens nach § 126 Absatz 2 StGB – der fiktionale Teil täusche die Begehung einer schweren Straftat vor. Nicht wegen der Planung einer Tat, einer persönlichen Drohung oder der Verherrlichung von Gewalt, sondern wegen der Veröffentlichung dieses teilfiktionalen Textes. Ich empfinde diese Verurteilung bis heute als politisch getrieben.
Die Reaktionen vieler Medien waren ebenso vorhersehbar wie die Berichterstattung nach Anschlägen: Empörung, Distanzierung, moralische Verurteilung. Doch kaum jemand thematisierte die unangenehme Frage, ob Medien nicht einen erheblichen Teil jener Wirkungskette bilden, auf die Terroristen angewiesen sind.
Heute wird immerhin gelegentlich über Resilienz, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Grenzen staatlicher Sicherheitsversprechen gesprochen. Das ist ein Fortschritt. Ein sehr kleiner. Acht Jahre nach meiner Verurteilung wird die entscheidende Frage noch immer kaum gestellt.
Das hört man in Redaktionen bis heute nicht gern.
