Rhein-Neckar/Ahrtal, 26. Januar 2026. (red/pro) Stefan Linder war Feldjäger, Personenschützer, Ermittler – und wurde nach der Flut 2021 Leiter der Vermisstenstelle im Ahrtal. Sein Buch „Der verschwundene Herr Hoffmann“ ist kein Krimi, sondern eine Innenansicht aus 40 Jahren Dienst: direkt, kantig, oft erschütternd. Und er liefert, Prinzip „Kommissar Zufall“, als Zeitzeuge einen Beleg, der den Ahrtal-Helfer Markus Wipperfürth und dessen Autorin Sandra Fischer endgültig als Märchenerzähler entlarvt.
Von Hardy Prothmann
Stefan Linder kann erzählen: klar, direkt, manchmal kantig. Er war Feldjäger, Personenschützer, Ermittler – und wurde 2021 im Ahrtal zum Leiter der Vermisstenstelle. Sein Buch ist kein Krimi, sondern eine spannende, episodisch erzählte Innenansicht aus 40 Jahren im Dienst – und ein Blick darauf, wie aus Katastrophen Geschichten entstehen können, die mit der Realität nicht mehr viel zu tun haben.
Das Buch hat er seinen Enkeln gewidmet – die müssen aber noch heranwachsen, um es lesen zu können. Bis dahin ist es vor allem ein Buch für Leserinnen, die Geschichten lieben, in denen es nicht um Action geht – sondern um den Menschen dahinter: um Verantwortung, Familie, Verlust, Hoffnung, Zuverlässigkeit.
Für wen dieses Buch wirklich geschrieben ist
Das Buch handelt von einem Mann, der sein Leben lang Ordnung gehalten und seine Pflicht getan hat – und dabei erlebt, wie chaotisch Menschen wirklich sind. Privat ist er Ehemann, Vater, Opa. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal wird er Leiter der Vermisstenstelle – und plötzlich Kümmerer im direkten Kontakt mit Angehörigen: Er hört Verzweiflung, hält Ungewissheit aus, organisiert Abläufe, sucht Spuren – und muss gleichzeitig menschlich bleiben, wenn es keine Antworten gibt. Dieses Buch zeigt, was solche Einsätze mit einem Menschen machen: die Bilder, die bleiben. Die Sätze, die man nie vergisst. Und die stille Frage, wie man nach Hause kommt, wenn man tagsüber mit dem Tod arbeitet.

Hardy Prothmann im Gespräch mit Stefan Linder
Dass das keine nachträgliche Buchmarketing-Erzählung ist, sagt Linder im Interview mit mir glasklar: Er habe das Buch ursprünglich „für seine Enkelkinder“ geschrieben – und ohne die Flutkatastrophe wäre es gar nicht entstanden (im Video ab Mintue 12):
„Grundsätzlich geschrieben habe ich es für meine Enkelkinder…“ und „Der Hauptimpuls war natürlich die Flutkatastrophe an der Ahr…“
Und für Männer ist es genau das, was viele suchen: echte Erlebnisse statt erfundener Krimis. 40 Jahre im Dienst – Feldjäger, Personenschutz, Ermittlungen, Fälle, Abgründe, skurrile Momente und harte Wahrheiten. Ein Blick in den Maschinenraum von Polizei und Bundeswehr: ungeschönt, direkt und nah dran.
Wer das Buch liest, bekommt diese Innenansicht. Wer sich zusätzlich unser Gespräch anschaut, bekommt etwas Seltenes: einen Autor, der nicht nachträglich poliert, sondern live argumentiert – ruhig, sachlich, manchmal trocken, immer faktengetrieben. Genau deshalb lohnt sich das Video-Gespräch: Es macht aus einem Erlebnisbericht ein Stück dokumentierte Gegenwart.
Warum das Ahrtal der Kern ist
„Der verschwundene Herr Hoffmann“ ist kein Feuilletontext, aber gutes Handwerk: verständlich, direkt, oft erstaunlich gut gebaut – und genau deshalb liest man weiter. Er schreibt wie ein Mann, der Dinge gesehen hat, über die andere lieber schweigen – und der jetzt beschlossen hat, dass das reicht mit dem Schweigen.
Das ist kein fein komponierter Roman, kein literarisches Kunstwerk, kein „Krimi mit Anspruch“, aber auch kein Protokoll. Das ist ein Erlebnisbericht aus 40 Jahren Dienst im In- und Ausland. Und immer wieder der Versuch, Ordnung in Situationen zu bringen, in denen Menschen auseinanderfallen.
Der Ton ist mündlich, direkt, manchmal fast ruppig – als säße man mit ihm am Tisch und er würde erzählen, ohne Rücksicht auf Dramaturgie-Seminare oder Schreibschulen. Das hat Wucht, weil es authentisch wirkt.

Vermisstenstelle Ahrtal, Abschnitt Neuwied Foto: Linder
Aber es ist auch genau der Punkt, an dem das Buch gelegentlich schwächelt: Es ist nicht durchkomponiert, sondern episodisch. Es reiht Fälle, Stationen und Zeiten aneinander, springt von Bundeswehr-Sozialisation und Kaltem Krieg über Ermittlungsalltag bis zu den härtesten Kapiteln – der Flut im Ahrtal. Das liest sich oft schnell und packend, aber nicht alles trägt gleich stark.
Linder will Nähe – keine Distanz. Er sagt es sogar offen: Das Buch soll ungefiltert sein, ohne Schutzschicht, ohne „Filmversion“. Dasselbe gilt für unser Gespräch: one take, ohne Schnitte.
Man bekommt keine sterile Polizeipressemitteilung, sondern die Innenansicht eines Systems, das funktionieren muss, wenn andere nicht mehr funktionieren.
Stärken, Schwächen, Wirkung
Dazwischen schaltet er immer wieder in den Weitwinkel: Zeitgeschichte, gesellschaftliche Veränderungen, politische Kontexte. Das ist einerseits klug, weil es zeigt, dass er nicht nur Fälle abarbeitet, sondern versteht, in welcher Welt diese Fälle passieren. Andererseits droht es manchmal, die Erzählung auszubremsen – weil die Stärke des Buches nicht im Essay liegt, sondern in der Szene. Wenn Linder im Einsatz ist, ist er am besten. Wenn er erklärt, warum Geschichte so ist, wie sie ist, wird es gelegentlich etwas lehrbuchmäßig – das muss man mögen.
„Der verschwundene Herr Hoffmann“ ist nicht elegant, sondern ehrlich. Und in einem Genre, das oft von künstlich aufgeblasenen True-Crime-Posen lebt, ist das ein Qualitätsmerkmal: Hier will keiner „spannend wirken“. Hier war das echte Leben spannend.
Kurz: Wer literarische Feinarbeit sucht, ist hier falsch. Wer echte Fälle will, echte Arbeit, echte Konsequenzen – der bekommt genau das. Unverpackt.

Der Personenschützer Stefan Linder in einem Blackhawk. Foto: Linder privat
Wenn dieses Buch einen Kern hat, dann ist es nicht die Bundeswehr, nicht der Protokollglanz der Eskorte und auch nicht die Anekdote aus dem Ermittlungsalltag. Der Kern ist die Flut. Ahrtal 2021. Vermisstenstelle. Wochen, in denen nicht nur Häuser, sondern ganze Lebensläufe weggerissen wurden – und in denen der Staat funktionieren musste, obwohl niemand auf so etwas vorbereitet ist. Genau hier wird aus dem Erinnerungsbuch plötzlich etwas anderes: ein Zeitdokument.
Im Video-Interview bringt Linder dafür ein Bild, das hängen bleibt: Staatliche Strukturen seien „wie ein schwerer Tanker“, der nicht sofort wenden kann – am Anfang sei Chaos unvermeidlich, das sei nicht automatisch „staatliches Versagen“ (ab Minute 37).
„Staatliche Strukturen sind wie ein schwerer Tanker…“ „Das ist kein staatliches Versagen.“
Linder beschreibt diesen Teil nicht wie ein Hobby-Schreiber, der „True Crime“ nachstellt, sondern wie jemand, der mitten in der Maschine stand und sie am Laufen halten musste. Das ist ein entscheidender Unterschied. Es geht nicht um Nervenkitzel, sondern um Verantwortung – und darum, was das mit einem macht. Um Angehörige, die nicht wissen, ob sie hoffen dürfen oder schon trauern müssen. Um Entscheidungen unter Druck. Um den Alltag einer Katastrophe, die nicht aufhört, nur weil Kameras weiterziehen.
Gerüchte: Wenn Menschen die Lücken mit Edding füllen
Und genau deshalb ist der Ahr-Komplex das stärkste Material im Buch: Weil hier nicht „Fall X“ abgearbeitet wird, sondern eine ganze Gesellschaft im Ausnahmezustand sichtbar wird – inklusive der Frage, wie viel Chaos ein System aushält, bevor es kippt.
Er erklärt im Interview auch, wie Gerüchte entstehen – und warum sie im Ahrtal so toxisch wurden: Menschen „malen mit einem dicken Edding“ fehlende Puzzleteile aus, bis aus Unklarheit scheinbare Wahrheit wird (ab Mintue 57):
„…die fehlenden Teile im Puzzle selber ausmalen… da wird mit einem dicken Edding ausgemalt…“
Spannend ist dabei nicht nur das, was Linder erzählt, sondern auch das, was er nicht tut: Er baut keine künstliche Sensation. Er schreibt nicht fürs Popcorn-Publikum. Er zeigt das Grauen über die Arbeit – und das ist die seriöseste Form, über Katastrophen zu erzählen.
Eine Katastrophe zieht automatisch Gerüchte an. Die Mechanik ist immer dieselbe: Wo Leid ist, ist Spekulation. Wo Tote sind, ist Storytelling. Wo Unsicherheit herrscht, entstehen Erzählungen, die größer sind als die Realität. Das ist der Stoff, aus dem moderne Mythen gebaut werden – und aus dem manche Leute Klicks, Bücher und Selbstinszenierung machen.
Ich habe diesen Mechanismus selbst dokumentiert: Behauptungen, die nie bestätigt wurden, werden in Büchern und Beiträgen so erzählt, als wären sie gesichert – moralisch aufgeladen, emotionalisiert, klickbar gemacht. Das Ahrtal wird dann nicht mehr beschrieben, sondern benutzt. Montär, als Heldensaga, zur Gruppenbestätigung.
Wipperfürth/Fischer und die Kinderleichen: Der Moment, der alles kippt

Stefan Linder trifft Markus Wipperfürth zufällig im Juli 2023 an der Flutkapelle Walporzheim. Foto: privat Linder
Wer meine Arbeit kennt, weiß um meine Kritik am „Fluthelden“ Markus Wipperfürth, der in meinen Augen eine problematische Entwicklung genommen hat. Spätestens sein von Sandra Fischer geschriebenes Buch „Die Welle nach der Flut – gefangen im Netz aus Hass und Hetze“ ist ein Lehrstück dafür, wie aus einem vagen Gerücht eine scheinbar belastbare Geschichte wird – nicht durch Belege, sondern durch Dramaturgie.
Und genau deshalb ist Linders Perspektive so wertvoll: weil sie den Unterschied kennt zwischen Ermittlungsrealität und Erzählgeschäft. Ohne es zu beabsichtigen, liefert er dabei einen Moment, der aufhorchen lässt: Er beschreibt im Buch eine Begegnung im Juli 2023 mit Wipperfürth und Fischer: Er steht neben Wipperfürth, Fischer fotografiert – und man ist mitten in der Legendenproduktion.
Und im Interview erzählt Linder die Begegnung mit Markus Wipperfürth in Walporzheim im Juli 2023. Thematisiert werden zwei angeblich in einem Mercedes geborgene Kinderleichen: „Das stimmt nicht“ (ab Minute 1:12), klärt Linder Wipperfürth und dessen Autorin Sandra Fischer auf.
Wie brisant diese Passage im Buch ist (S. 348-356) ist dem Autor Linder beim Schreiben nicht klar. Erst später stößt er auf meinen Artikel „Die über Kinderleichen gehen“, in dem ich die von Wipperfürth und Fischer in zwei Büchern verbreitete Falschinformation recherchiert und berichtet habe.
So kommt überhaupt unser Kontakt zustande (ab Minute 1:21), weil sich Herr Linder bei mir meldet, mich darauf hinweist, dass er meinen Artikel gelesen hat und dazu die Passage in seinem Buch steht, die klar macht: Wipperfürth und Fischer mussten spätestens seit damals, Juli 2023, wissen, dass es diese Kinderleichen nie gab:
„„Falsch! Falsch! Falsch!“ schreibe ich ihr. Das Todesermittlungsverfahren ist ein streng reglementiertes Verfahren, das viele Beteiligte hat, die unterschiedlichen Organisationen angehören. Und ein nichtnatürlicher Tod ist ein nichtnatürlicher Tod. Das galt für alle Toten. Mauscheleien zwischen Polizei, Rechtsmedizin, Staatsanwaltschaft, Bestatter und Standesämtern wären für den Wahrheitsgehalt dieser Theorie absolute Voraussetzung. Nach so vielen Jahren in der Todesermittlung erscheint das für mich vollkommen unmöglich. Ich erkläre ihr auch, dass ich einen kompletten Überblick über alle Toten an der Ahr habe. Ich wüsste, wo sie verschwunden sind und wo sie geborgen wurden. Alles sei in der Vorgangsverwaltung immer noch nachzulesen, zu jedem Toten gäbe es bei der Staatsanwaltschaft eine Akte, in der akribisch und nachvollziehbar jeder Ermittlungsschritt dargelegt sei. Ich biete ihr ein Treffen an, um solche Fehleinschätzungen, die leider auch in die Bevölkerung hinein verbreitet werden, zu besprechen, ohne natürlich interne Details der Polizeiarbeit zu nennen, wobei ja durch derartige Theorien jegliche Polizeiarbeit diskreditiert wird. Viele Menschen könnten Fake News nicht als Unsinn erkennen.“ (S. 354)
Authentisch und stark ist dieser Moment im Video-Gespräch, weil er keine Abrechnung, sondern eine nüchterne Korrektur ist. Fakten statt Emotionen. Tatsachen statt Geschwurbel.
Für meine Arbeit als investigativ arbeitender Journalist hat hier „Kommissar Zufall“ geholfen – nicht ich habe den Beleg gefunden, sondern der Beleg mich nach meiner Vorarbeit. Jetzt steht fest: Markus Wipperfürth und Sandra Fischer wussten, dass sie einem Gerücht aufgesessen waren – was sie nicht daran hinderte, es fast eineinhalb Jahre später erneut in einem weiteren Buch zu verbreiten und Kritiker als „pietätslos“ (sic!, S. 190) sowie „Hasser“ und „Hetzer“ zu bezeichnen. Sie können sich nicht mehr rausreden, dass sie einer „absolut vertrauenswürdigen Quelle“ (was ist das?) Glauben geschenkt hätten – sie wollten diese „Story“ so glauben, weil sie in ihre Erzählung passte, passen musste, um die Mär einer „Verschwörung“, einer „Verfolgung durch Hass und Hetze“, mithin den Kern der Erzählung, der auch im Buchtitel steht, weiter verbreiten zu können und auch damit ordentlich Geld zu verdienen. Die Alternative wäre der Zusammenbruch des Projekts, kein Geld gewesen – dafür aber eine öffentliche Entschuldigung: „Wir haben uns geirrt – wir sind Falschinformationen aufgesessen“. Doch das fehlt bis heute.
Linder erzählt vieles seines Dienstlebens mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der Jahrzehnte in Systemen gearbeitet hat, in denen Präzision keine Stilfrage ist, sondern Überlebensbedingung. Daten, Orte, Abläufe: das sitzt. Er schreibt nicht im Nebel, er schreibt im Einsatzlicht.
Fakten, Deutung, Urteil: Wo Linder zuspitzt
Gerade deshalb fallen die Stellen auf, an denen der Text mehr will als Erinnerung – nämlich Urteil. Ein Beispiel ist seine Rekonstruktion des Anschlags auf Alfred Herrhausen (S. 37 ff.): Linder schildert nicht nur den Sprengsatz, sondern benennt eine konkrete Verletzung, den Blutverlust und die unterlassene Erste Hilfe. Und er geht noch weiter: Er legt die Möglichkeit in den Raum, Herrhausen hätte gerettet werden können, wenn die Personenschützer das Bein abgebunden hätten. Das ist stark erzählt, das ist plausibel gedacht – aber es bleibt eine Deutung, die der Text als Möglichkeit markiert, nicht als endgültige Wahrheit.
Dass Linder diese Grenze überhaupt so scharf zieht, hat mit seiner Perspektive zu tun. Er schreibt nicht als Chronist von außen, sondern als jemand, der selbst Personenschützer war, der die Logik von Gefährdungsstufen, Fahrtstrecken, Trichtereffekten und Risikoanalysen kennt. Als Autor im Text wird klar: Jeder Anschlag hätte auch seine Schutzperson – und ihn und Kollegen – treffen können. Die Gefahr stand nicht nur im Kleingedruckten der Job-Beschreibung.

Symbole stehen für Geschichte – für Leben und Tod. Foto: privat Linder
Dadurch wirken große Ereignisse im Buch nicht wie Geschichte, sondern wie Nähe. Das ist erzählerisch wirksam – und genau deshalb muss der Leser sauber unterscheiden zwischen gesichertem Ablauf, plausibler Rekonstruktion und der feldjägerhaften Bewertung, die sich aus der Einsatzlogik fast automatisch ergibt.
Im Interview sieht man diese Fakten-Orientierung sehr klar: Linder äußert sich nicht emotional, sondern methodisch, sogar mit Verständnis in der Passage zu den Kinderleichen. Das ist ein starker Auftritt, weil unerwartet. Linder skandalisiert nicht, er analysiert.
Stefan Linder schreibt nicht nur über Fälle. Er schreibt sich selbst in diese Welt hinein – und zwar nicht als Nebenfigur, sondern als Maßstab. Das ist keine Eitelkeit im klassischen Sinne, eher ein Reflex aus einem Beruf, in dem er gelernt hat: Wenn du keine klare Rolle hast, bist du ein Risiko.
Sein Rollenbild ist dabei ziemlich eindeutig: Ordnungsmensch in einer chaotischen Welt. Einer, der nicht nur zuschaut, sondern vorbereitet, begleitet und im Notfall eingreift. Der nicht diskutiert, sondern handelt. Der im Zweifel lieber zu früh alarmiert als zu spät entschuldigt. Und der dem Leser sehr früh vermittelt: Ich kenne diese Systeme von innen – Feldjäger, Personenschutz, Gefährdungslogik, Abläufe. Das ist Weltgeschichte mit Körperkontakt.
Linder macht etwas, das viele Einsatzautoren instinktiv tun: Er nimmt große Ereignisse (RAF, Anschläge, Wendezeit) und erzählt sie so, dass man sie nicht wie ein Geschichtsbuch liest, sondern wie eine Lagebesprechung. Dadurch entsteht Nähe – nicht durch Pathos, sondern durch Routine.
Damit gewinnt der Ich-Erzähler an Kompetenz – aber nicht als Pose. Linder verkauft sich nicht als „cooler Typ“, sondern als kompetenter Praktiker. Das ist ein Unterschied. Er will nicht gefallen, er will ernst genommen werden. Und das funktioniert vor allem dann, wenn er nicht den Helden spielt, sondern die Funktion: planen, bewerten, absichern, bereit sein, umsetzen.
Christo, die Verhüllung und der Einlauf
Und dann kommt der Moment, der ihn menschlich macht: das „Einlauf“-Kapitel (S. 64. Ff.). Der eigentliche Beweis, dass das hier keine Hochglanz-Selbstinszenierung ist, liegt aber ausgerechnet dort, wo Linder selbst am meisten hängt: im Christo-Kapitel, das er als sein persönliches Lieblingskapitel bezeichnet. Nicht, weil er darin glänzt – sondern weil er darin scheitert.
Linder schreibt das nicht schön. Er schreibt es brutal klar: „Wir haben offensichtlich keinen guten Job gemacht.“ Und er legt nach: Man habe einen „ordentlichen Anschiss“ für die Untätigkeit bekommen. Das ist mehr als eine Anekdote. Das ist der Moment, in dem das Buch zeigt: Hier erzählt keiner aus der Pose heraus. Hier erzählt einer, der Fehler gemacht hat, das weiß und auch kassiert hat – und daraus gelernt hat.
Und damit wird seine Autorenfigur stärker: Nicht „ich war unfehlbar“, sondern „ich war verantwortlich“. Das macht nachdenklich.
Doch Linders stärkste Figur ist nicht der Ermittler, nicht der Kriminalist, nicht der Mann mit Insiderwissen. Seine stärkste Figur ist der Kümmerer im Ausnahmezustand, der Ordnung hält – und trotzdem nicht davor geschützt ist, auch mal einen Einlauf zu kassieren. Und der kam anders als erwartet: als psychische Überlastung.

Buchcover „Der verschwundene Herr Hoffmann“. Foto: Linder, Miles-Verlag
Linders Buch bietet keinen künstlerisch gebauten Spannungsbogen, sondern ist ein Streifzug. Episoden, Stationen, Zeiten, Fälle – Bundeswehr, Personenschutz, Ermittlungsalltag, Zeitgeschichte, später Ahrtal. Das funktioniert, weil der Autor aus einem Leben erzählt, nicht aus einer Plotmaschine. Es ist eher „40 Jahre Dienst – die Szenen, die hängen geblieben sind“ als „ein Roman mit Dramaturgie“.
Das hat Vorteile: Man kann überall einsteigen, es gibt Tempo, Abwechslung, Schauplätze, Reibung. Und man merkt: Das ist kein Text, der am Reißbrett entstanden ist, sondern aus Erfahrung, mit Herzblut geschrieben.
Hier liegt auch die strukturelle Schwäche: Das Buch ist nicht immer gleich stark. Manche Kapitel sind Zeitdokument, andere sind Erinnerung, wieder andere sind Erklärung. Linder wechselt zwischen Szene, Rückblick, Einordnung und Weitwinkel – manchmal elegant, manchmal wie ein Mann, der zu viel weiß und es nicht lassen kann, es auch noch aufzuschreiben.
Das ist nicht schlimm, aber es ist spürbar: Das Buch hätte von einem härteren Lektorat profitiert (es wurde hart von 700 auf 400 Seiten gekürzt, wie er im Video beschreibt), das stärker gewichtet, kürzt und bündelt. Der Ahrtal-Teil überstrahlt vieles. Nicht, weil der Rest schlecht wäre, sondern weil hier plötzlich eine andere Qualität entsteht: nicht Anekdote, sondern Bedeutung. Danach wirken manche vorherigen Passagen wie das Vorprogramm – interessant, manchmal stark, aber nicht zwingend.
Und damit sind wir bei der Sprache, denn die ist der Motor dieser Struktur: Linder schreibt nicht literarisch, sondern funktional. Klar, direkt, mündlich. Er schreibt so, wie man im Einsatz redet: kurze Urteile, klare Begriffe, wenig Ornament. Das macht das Buch gut lesbar – und glaubwürdig.
Gleichzeitig ist genau diese Klarheit auch das Risiko: Wer so schreibt, rutscht schnell von Beschreibung in Bewertung. Linder formuliert oft wie jemand, der Entscheidungen treffen musste – und das heißt: schwarz/weiß statt grau, professionell/unprofessionell, richtig/falsch. Das wirkt stark, aber es kann an manchen Stellen auch wie ein Urteil klingen, wo eigentlich nur eine Rekonstruktion möglich wäre.
Was man Linder dabei lassen muss: Er schreibt nicht „auf Effekt“. Er macht keine Krawall-Dramaturgie, kein True-Crime-Showgeschäft. Sein Ton ist eher nüchtern, manchmal hart, gelegentlich pathetisch – aber nie verspielt. Er will nicht cool wirken, er will verstanden werden.
Und genau deshalb funktioniert das Buch: Es hat Ecken. Es hat Kanten. Und es hat diese Grundhaltung, die man nicht faken kann: Der Staat ist nicht „die da oben“. Der Staat sind Menschen, die funktionieren müssen, wenn es „Herausforderungen“ anstehen. Wenn es schlimm wird.
Fazit: Berührend, aufklärend, empfehlenswert

Buchcover Rückseite, Miles-Verlag
Linder geht sensibel mit Leid um – sicher auch, weil er es direkt erfahren hat. Er schildert Opfer und Angehörige nicht sensationalistisch, sondern als Mahnung: nah, aber respektvoll. Kein Voyeurismus, keine überzogene Emotionalisierung. Stattdessen Reflexion über Belastung – seine eigene inklusive.
Beeindruckend ist: Er thematisiert die persönlichen psychischen Folgen offen, betont Resilienz und warnt vor Überforderung (ab Minute 22).
„Ich habe in meinem ganzen Leben nie mit so etwas geredet. Ich habe nie mit so etwas zu tun gehabt. Mit Depressionen oder psychischen Erkrankungen.“
Das macht den Ethik-Aspekt stark: Es ist ehrlich, berührend und erklärt, ohne zu belehren.
Noch ein Hinweis am Ende: Das Buch und auch Herr Linder würden sich hervorragend für staatliche Stellen und hier verantwortliche Personen eignen, die Ahrtal-Katastrophe und ihre Folgen nochmal aufzuarbeiten. Denn hier wurden massive Kommunikationsfehler gemacht – dass solche Fehler passieren, ist eine Binse, nicht draus zu lernen, verantwortungslos.
Ein Buch, das berührt und aufklärt – empfehlenswert für alle, die mehr als einen Krimi wollen. Miles-Verlag, ISBN 978-3-96776-097-2, 22,80 Euro.
