Rhein-Neckar/Mannheim/Metropolregion, 17. Mai 2026. (red/pro) Achtzig Tage lang zieht eine Zeitung mit einer Pop-up-Redaktion in die Innenstadt. Die Redaktion verkündet Nähe, Transparenz und Begegnung. Vor den Scheiben der gläsernen Redaktion wirkt die Stimmung allerdings anders: melancholisch, erschöpft, seltsam entrückt. Eine Reportage über den Versuch, die einstige Selbstverständlichkeit nicht als Verlust, sondern Chance zu programmieren.
Von Hardy Prothmann
Draußen zieht der Nachmittag kalt über die Planken. So nennen die Einheimischen ihre große Fußgängerzone, die sich vom Wahrzeichen der Stadt, dem Wasserturm, bis zum Paradeplatz erstreckt.
Obwohl es fast Sommer ist, ist dieser Mittwoch Mitte Mai herbstlich kühl. Menschen laufen eilig mit gesenkten Köpfen gegen den Wind. Vorbei an den Schaufenstern der Ketten. Vorbei an den immergleichen Auslagen. Vorbei auch an der gläsernen Redaktion einer einst großen Zeitung, die sich für einen runden Geburtstag in eine frühere Boutique eingemietet hat und das Popup nennt.
Hinter Glas
Früher brauchte eine Zeitung keine Einladung. Sie war da.

Die Pop-up-Redaktion der Zeitung auf den Planken. Hinter Glas wird Nähe inszeniert, draußen zieht der Alltag vorbei.
Wie das Straßenbahngeräusch am Marktplatz. Wie der Geruch nasser Druckerschwärze in den frühen Morgenstunden. Ölartig, leicht metallisch, scharf. Eine Mischung aus Farbe, Papierstaub, Maschinenwärme und Schmieröl.
Jetzt kleben Sätze an den Scheiben: „Die Redaktion hautnah erleben.“ Oder: „Transparent und ohne Filter.“
Sehr nachdenklich lese ich den Satz: „Schon heute wissen, was morgen in der Zeitung steht.“
Journalismus zum Anfassen
Ich sitze auf einer Bank vor dem Popup. Gut verpackt. Denn ich mache das, was Reporter tun, wenn sie auf Reportage gehen: ich gehe raus. Egal, wie das Wetter gerade ist.
Nun sitze ich hier also draußen und schaue durch Glasfassaden auf das Innere des Popup mit der „gläsernen Redaktion“ und versuche den Sinn zu verstehen. Was ist der Reiz daran, heute schon zu wissen, was erst morgen gedruckt sein wird? Exklusivität vielleicht? So eine Art Insiderwissen der neuesten Nachrichten, bevor sie ganz offiziell in der Zeitung dokumentiert werden?
Während es mich leicht fröstelt und ich über das innere Geheimnis dieses Satzes sinniere, leuchten drinnen Energiesparlampen über kargen Tischen weiter hinten in dem Ladengeschäft. Auf den Tischen stehen Bildschirme. Davor zwei oder drei, ich vermute mal, Journalisten, die auf diese Bildschirme schauen, manchmal die Tastatur benutzen, meist aber die Maus. Wie digitale Schichtarbeiter, die hier eher unfreiwillig ausgestellt sind.
Popup
Diese Menschen schauen etwas müde aus, der Blick hängt auf den Bildschirmen. Niemand spricht. Niemand telefoniert. Es gibt kaum Bewegung. Fast wirkt das wie ein Stillleben. An einem anderen Platz steht eine Gießkanne vor dem Bildschirm. Ich muss kurz lächeln, weil das Bild irgendwie komisch ist.
Die Körper der Journalisten sind nach vorn gekrümmt, als verfügten die Bildschirme über eine mysteriöse Anziehungskraft.

Zwischen Liegestühlen, Taschen und Werbeflächen verschwimmen Redaktion, Kundenservice und Markenraum.
Drinnen stehen außerdem ein paar grüne Pflanzen, die wohl etwas Lebendigkeit in dieses Popup bringen sollen, das eher anmutet wie der Service-Point einer Versicherungsagentur, ein Reisebüro ohne Plakate oder vielleicht auch ein Handy-Shop, wobei der Vergleich hinkt, weil die immer sehr vollgestopft sind und meist viel kleiner.
Alles soll offen wirken. Und gerade deshalb wirkt es kurioserweise verschlossen. Vielleicht auch wegen der großflächigen Beschriftungen, die nicht wie Transparenz, sondern wie ein Sichtschutz wirken. Man kann einen QR-Code scannen. Einen Bildschirm mit der Website oder den Plattformen gibt es nicht.
Achtzig Tage – achtzig Minuten

Die meisten Leute draußen laufen vorbei. Manche bleiben stehen. Schauen auf einen Liegestuhl und andere „besondere Produkte hier im Shop“. Die meisten gehen weiter. Ihre Spiegelbilder gleiten über die Scheiben und vermischen sich mit den Gesichtern der Redakteure im Innern. Irgendwie ist nicht richtig zu erkennen, wer hier eigentlich wen beobachtet oder eben nicht, die Journalisten schauen ja auf ihre Bildschirme.
Endlich betritt eine Frau den oder das Popup, dieses provisorische Ding ohne richtiges grammatikalisches Geschlecht. Die Dame dürfte etwa Ende siebzig Jahre alt sein, trägt zum schlohweißen Haar einen roten Mantel. Sie wird etwa eine Viertelstunde am Empfangstisch im Eingangsbereich stehen und dann den Popup wieder verlassen. Ohne Zeitung. Ohne Tasche. Ohne Schirm.
Vermutlich brauchte sie keine Zeitung, denn sie wusste ja schon gestern, was heute in der Zeitung steht.
Und überhaupt: Nur im Innern gibt es einen Zeitungsständer, obenauf liegen Beilagen zu den Adlern Mannheim.
Im Laufe der guten Stunde, in der ich vor dem Popup sitze und mir zwischendrin mal die Beine vertrete, betreten rund ein Dutzend Personen das Eckladen-Event. Die jüngste Frau dürfte Ende vierzig sein, die meisten sind deutlich älter. Alle bleiben kurz und verlassen die Location wieder ohne Zeitung oder Einkaufstüte mit dem Namen der Zeitung.
Keine Reporter
Reporter, die kommen und gehen, sehe ich nicht im Pop-up-Shop. Vielleicht haben sich ja die Stadt und ihre Bürger längst daran gewöhnt, ohne die Zeitung zu leben?
Nach achtzig Minuten bleibt vor allem ein Gefühl von Übergang. Nicht Aufbruch, eher Zwischenzustand.

Besondere Produkte im Pop-up-Shop
Vielleicht lag genau darin die eigentliche Veränderung. Dass Zeitungen heute ständig über Nähe sprechen. Über Vertrauen. Über Begegnung. Über Dialog. Und immer seltener über Kontrolle, Konflikte oder Macht. Als hätte sich der Beruf unmerklich verschoben, ohne dass jemand genau sagen könnte, wann das passiert war.
Vielleicht musste Nähe inzwischen organisiert werden, weil die alte Selbstverständlichkeit verschwunden war.
Vielleicht sprach man deshalb so oft von Begegnung, weil Konfrontation ökonomisch wegbricht und zu anstrengend geworden ist.
Strukturwandel
Vielleicht umweht diesen gläsernen Raum, der hierher gekommen ist, um für achtzig Tage zu bleiben, deshalb so eine Art eigentümliche Tapferkeit. Fast rührend. Wie in den letzten Jahren der Zechen, wenn noch Feste organisiert wurden und Blaskapellen spielten, obwohl jeder wusste, dass die Gruben bald stillgelegt würden. Man sprach dann besonders oft von Gemeinschaft. Von Heimat. Von Zukunft.
Vielleicht weil man im damaligen Heute wusste, dass die Nachrichten von gestern am nächsten Morgen niemanden mehr interessieren würden.
Ich erinnere das noch aus meiner Kindheit und Jugend. Damals waren die Botschaften ähnlich. Sie erzählten: Von Begegnung. Von Nähe. Von Transparenz. Von Vertrauen. Von Mut. Von Hoffnung.

Was wird nach 80 Tagen Pop-up-Redaktion anders sein?
Worte, die im Raum standen wie Heizstrahler gegen einen Winter, der längst begonnen hatte.
Die Chefredakteurin der Zeitung, jung, adrett, mit jener kontrollierten Freundlichkeit moderner Kommunikationsprofessionals, lädt Leserinnen und Leser tatsächlich zur altmodischen „Sprechstunde“. Kulturredakteure erklären Konzertkritiken. Besucher können Redaktionskonferenzen besichtigen wie einst Schulklassen die Hochöfen.
Journalismus zum Anfassen. Auch das ist so ein neuer Satz. Früher fasste man Zeitungen an, nicht Journalismus.
Alles soll sichtbar werden: die Arbeit, die Haltung, die Menschen hinter der Zeitung.
Als müsse ein Beruf, der einmal selbstverständlich war, nun seine eigene Existenz öffentlich rechtfertigen.
Das erfüllt mich mit Wehmut, denn früher war Zeitung auch etwas voller Geheimnisse. Etwas, das man entdeckte. Und woran man später noch dachte, wenn man darin einen Fisch einwickelte.
Draußen und Drinnen
Während ich so zuschaue und feststelle, dass es eigentlich gar nichts zu schauen gibt, überkommt mich eine seltsam feierliche Traurigkeit. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, schrieb die Chefredakteurin auf LinkedIn, jener digitalen Welt der Projektmenschen, Führungskräfte und Kommunikationsarbeiter, in der man selbst Zweifel noch in Karrieregrammatik übersetzt: „Für achtzig Tage.“
Auch darüber denke ich nach. Diese Sätze wirken wie solche, die nur in Zeiten des Niedergangs entstehen. Sätze, die sich Mut zusprechen, weil sie das unabwendbare Ende bereits kennen.
In den kommenden Wochen wird es hier weitere Veranstaltungen geben, lese ich auf meinem Smartphone – wie gesagt, einen Bildschirm mit Informationen dazu oder wenigstens einen Aushang gibt es nicht am Popup. Vielleicht habe ich das auch nicht entdeckt.

Ich frage mich, ob mich das interessieren würde, das mal live zu erleben? Eine Kritikersprechstunde über Eric Clapton. Oder Gespräche mit Gründerinnen? Öffentliche Redaktionskonferenzen? Da denke ich an die Fernsehserie Lou Grant. Ob das so sein würde? Da bimmelten ständig Telefone. Sehr hektisch alles. Und es wird Live-Podcasts über die Innenstadt geben. Sowie eine Sprechstunde der Chefredakteurin. Diskussionen über Kultur, Wirtschaft und Vertrauen in die Medien.
Apropos Podcast. Langsam ist mir langweilig. Warum also nicht einen Podcast hören zum Zeitvertreib?
Ich versuche den Übergang von der Druckerschwärze in die digitale Welt zu verstehen. Dort liegt offenbar die Zukunft der Zeitung, die längst keine Zeitung mehr ist und sich trotzdem noch so nennt. Auch das ist ein seltsamer Gedanke.
Früher
Aber egal. Ich höre rein. Die Stimmen der beiden Lokalchefs Florian Karlein und Tilo Schmidhuber klingen freundlich und vertraut schwingt das Timbre des Monnemer Singsang mit. Sie reden fast so, als säßen sie nicht in einer Redaktion, sondern in einer jener neuen offenen Bürowelten, in denen Menschen mit Headsets an hohen Holztischen Kaffee trinken und dabei Begriffe wie Transformation oder Reichweite benutzen.
Es geht in dieser Folge um den Maimarkt. Genauer gesagt um seine Zukunft. Oder vielleicht um seine Vergangenheit. Ganz sicher bin ich mir irgendwann nicht mehr, ob es um den Maimarkt, die Kohlegruben oder die Zeitung geht.
Der Chefreporter Peter W. Ragge spricht ruhig und präzise. Er erzählt von früheren Zeiten, als die Hallen voller gewesen seien, die großen Marken noch gekommen seien und man auf dem Maimarkt sehen konnte, wie die Zukunft aussehen würde. Heute, sagt er, fehle Personal. Händler blieben weg. Vieles werde kleiner. Schwieriger. Unsicherer. Man merkt, dass der Mann wirklich sehr viel über den Maimarkt weiß.
Während ich zuhöre, schaue ich weiter durch die Scheiben des Popup auf die Bildschirme der Journalisten drinnen.
Plötzlich beginnen sich die Dinge seltsam ineinander zu schieben. Das Gespräch über den Maimarkt klingt auf einmal wie eins über die Zeitung selbst.
Auch dort geht es inzwischen um Erlebnis. Um Begegnung. Um Sichtbarkeit. Um das Gefühl, noch da zu sein.
Ich überlege, wie man das auf Transparenten wohl formulieren würde? Weniger Gewissheiten. Mehr Atmosphäre. Oder auch: Weniger Substanz. Mehr Event.
Podcast
Ragge spricht eigentlich über eine Messe. Aber vielleicht spricht er auch über eine ganze Stadt, die langsam lernt, ihren Bedeutungsverlust freundlich zu deuten.
Die beiden Moderatoren nicken fast hörbar. Sie stellen Fragen. Freundliche Fragen. Manchmal wirkt es kurz so, als würde etwas Interessantes beginnen. Als würde plötzlich jemand aussprechen, was die ganze Zeit zwischen den Sätzen liegt: dass hier etwas verschwindet.
Aber dann gleitet das Gespräch weiter. Sanft. Kontrolliert. Fast vorsichtig. Keiner hakt nach, obwohl Ragge Themen anreißt, die man vertiefen könnte, finde ich. Doch keiner zieht die gedankliche Linie zu Ende.
Ich muss an einen Satz denken, den der Mannheimer Medienwissenschaftler Matthias Kohring wenige Tage zuvor in genau diesem Popup gesagt hatte, wie ich einem Post entnehmen konnte. Lokaljournalismus müsse „der sein, der sich mit allen anlegt“.
Auch das verwirrt mich, weil der Kontrast kaum größer sein könnte: Während Kohring als Gastredner der Zeitung über Kontrolle, Reibung und Konfliktfähigkeit spricht, produziert diese Podcasts, Pop-up-Erlebnisse und Community-Atmosphäre. Der Lokaljournalismus beschreibt sich inzwischen oft eher wie ein Stadtfestival. Nur ohne Geruch von Bratwürsten, dafür von Falafel oder veganen Crepes.

„Transparent und ohne Filter“ steht auf der Scheibe. Davor spiegelt sich die Stadt.
Da fällt mir ein kleines Detail ein. Wer noch vor kurzem im LinkedIn-Profil der MM-Chefredakteurin auf „Website“ klickte, landete nicht bei dieser Zeitung, nicht bei dieser Stadt und auch nicht bei dieser Pop-up-Redaktion, sondern beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, ihrer früheren Station. Das hat sie zwischenzeitlich korrigiert, nachdem ich ebenfalls auf LinkedIn einen Wink gegeben hatte. Wir sind da zwar nicht verbunden, aber irgendjemand muss ihr einen Hinweis gegeben haben.
Das ist kein Skandal. Nicht einmal wichtig. Aber es wirkte wie ein winziger Riss in der gesamten Inszenierung. Immerhin tritt sie als Expertin fürs Digitale an. Während die Branche maximale lokale Identität performt — „back in town“, „nah bei den Menschen“, „Herz Mannheims“ — wirken ihre Führungsfiguren längst wie mobile Medienmanager eines permanenten Strukturumbaus.
Vielleicht ist genau das der ehrlichste Eindruck, den ich heute als Reporter mitnehme, nach einer Stunde vor Ort, in der Kälte, vis-a-vis zum Popup: Dass Lokaljournalismus heute vor allem seine eigene Nähe inszenieren muss, um sich wenigstens noch selbst wahrzunehmen.
Der Marktplatz im Herzen der Stadt
Auch das ein interessanter, gleichwohl wehmütiger Gedanke. Nach 80 Minuten breche ich ab, suche mir ein Café, um mich aufzuwärmen. Ich finde eins. Niemand liest Zeitung.
Auf dem Weg nach Hause mache ich Station auf dem Marktplatz. Hier reihte sich früher ein Stand an den anderen, auch ein Fischstand. Heute sind es noch wenige und einige Händler sind schon weg oder packen ein.
Es gibt Erdbeeren im Abverkauf ab 2 Euro die Schale. Ein Händler ruft: „Letzte Chance, zwei Kilo echter Pfälzer Spargel, 6 Euro.“ Ich schlage zu. Wohl wissend, dass in den Zeitungen steht, Spargel könne man sich eigentlich nicht mehr leisten.
Niemand weiß, wie lange es den Markt noch geben wird.
Hier am Marktplatz, wo früher das Verlagshaus der Zeitung residierte, ist heute im Erdgeschoss ein großer Lidl. Drin drängen sich die Schlangen vor den Kassen, denn am Donnerstag ist Feiertag.
Ich fahre nach Hause und überlege: Soll ich das aufschreiben? Wie wird man darüber denken? Oder gar über mich? Bin ich zu konfrontativ? Wie werden die Menschen meine Reportage verstehen?
Was denkt wohl Herr Kohring über mich?
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P.S. Schreibts mir in die Kommentare unten. Das macht man heute so.
