Rhein-Neckar, 14. Juli 2018. (red/pro) Die Debatten um Integration und Zuwanderer sind selten von ausgewogenen Beiträgen bestimmt, sondern von Inhalten, die irgendwer irgendwie skandalisiert. Und immer kommt es unerbittlich zur absoluten Gretchenfrage. Doch deren „Faust’scher Hintergrund“ ist das Dilemma, die dramatische Hin- und Hergerissenheit von Personen in ihrer jeweiligen Zeit und zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext. Das gilt es auseinanderzuhalten – auch in der Debatte um Mesut Özil und „die Türken“ und andere Ausländer. Hardy Prothmann schließt einen langen Artikel über sein persönliches Leben mit: „Das gilt für Ausländer wie für Deutsche.“
Von Hardy Prothmann
Gestatten: Ich bin Nachkomme von Binnenflüchtlingen. Scherzhaft habe ich mich früher als Exil-Ossi bezeichnet, den meine Mutter kam aus Dresden, mein Vater aus Rostock. Gezeugt wurde ich in Köln und geboren wurde ich in Ludwigshafen. Meine Eltern hätten sich nie kennengelernt, wenn sie nicht ihre „Heimat“ hätten verlassen müssen. Staatsrechtlich war die Heimat DDR und nicht BRD. Damit das nicht in Vergessenheit gerät.
Mein Großvater aus Dresden verließ die DDR, als er feststellte, dass etwas sehr schief läuft. Er baute im Nachkriegsdeutschland ein prosperierendes Geschäft als Fotograf auf. Fotopapier musste er in Berlin kaufen und als er irgendwann in den 50-iger Jahren 1.000 Bögen gegen bar kaufen wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass diese rationiert seien und er nur 100 bekommen würde. Alle Diskussion und das Bargeld auf dem Tisch halfen nichts. Daraufhin setzte er sich mit meiner Oma und meiner Mutter nach Hannover ab. Mein Onkel blieb in Dresden und kam erst Anfang der 80-er Jahre in den Westen.
Mein Großvater aus Rostock war Herrenschneidermeister und musste für die Nazi-Offiziere Uniformen nähen. Das brach ihm das Herz, er fing an zu saufen und starb, bevor ich auf die Welt kam. Meine Großmutter siedelte vor der Mauer mit meinem Vater und meinem Onkel nach Lüneburg über, weil sie dort einen Job fand.
Pälzer Bu norddeutscher Eltern
In Köln versorgte mein Vater, damals Koch, meine Mutter am Hintereingang eines Hotels mit Essen. Sie hatte zwar einen Job als Bürokraft, schob aber immer Kohldampf. Anfang 1966 siedelten sie nach Limburgerhof über, denn der Vater meiner Mutter war inzwischen Direktor eines Möbelhauses und mein Vater fing als Verkäufer in der Region an. Das Wirtschaftswunder boomte, die Leute hatten Geld, wollten sich einrichten, mein Vater konnte mit Menschen und war schnell der beste Verkäufer in der Direktion meines Großvaters.
Ich kam in Ludwigshafen-Friesenheim auf die Welt und lebte die ersten knapp fünf Jahre in Limburgerhof. Meine Eltern hatten dort ein Haus gemietet. Dann kauften meine Eltern ein Haus in Hochdorf-Assenheim und ich kam in eine fremde Welt. Ich kannte niemanden und musste neu anfangen. Wer bist Du? Wo kommst Du her? Wer sind Deine Eltern? Was willst Du von uns? Das war schwer. Drei Jahre später verkauften meine Eltern das Haus und kauften eins in Frankenthal. Wieder musste ich neu anfangen und das war schwer. Wieder drei Jahre später kauften meine Eltern ein anderes Haus und ich musste wieder neu anfangen. Auch das war schwer, jetzt hatte ich allerdings schon ein wenig Übung, ein Fahrrad und konnte meine früheren Kumpels leichter treffen.
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So viele deutsche Leitkulturen
Die Leitkulturen in Limburgerhof, Hochdorf-Assenheim und Frankenthal waren sehr verschiedenen. Zu Limburgerhof habe ich für die ersten Jahre als Kleinkind keine Erinnerungen. Aber ansonsten fand mein Leben im Garten und besser auf der Straße und umliegenden Feldern statt. In Hochdorf-Assenheim waren die meisten meiner Freunde Bauernkinder. Dementsprechend fand unser Leben auf den Straßen, den Feldern und in den Höfen statt. Nach Schule, Mittagessen, Hausaufgaben waren wir weg – auf Abenteuerreise. Wenn wir spät heimkamen, gabs Schimpfe, aber wir fielen glücklich und erschöpft ins Bett.
In Frankenthal war es städtischer, keine Felder mehr, keine Höfe, dafür aber Typen, die einem Schläge androhten und viel mehr Verkehr, was die Straße als Abenteuerplatz ungeeignet machte. Und Familien, wo die Tochter Klavier lernte und der Sohn im Tennisclub war und der Papa nen Doktortitel hatte und bevorzugt bei der BASF angestellt war.
Meine Familie und ich wurden oft als „Schnösel“ angesehen. Denn wir sprachen astrein hochdeutsch. „Min Vadder“ hatte einen Küstenakzent, meine Mutter war in Hannover aufgewachsen. Beide hatten nur Volksschule.
Wegen der vielen Umzüge lebte ich meist „auf der Baustelle“ und dann eher kurz in einem echten Zuhause, weil das nächste Projekt anstand. Meine Eltern erwarben die Häuser, mein Vater war handwerklich sehr geschickt, baute die Häuser aus und verkaufte mit Gewinn. Multikulti war für mich Alltag, weil wir ständig Arbeiter aus allen Herren Länder bei uns hatten – ob die immer ordentlich angemeldet waren, bezweifle ich. Für mich war das ein Riesenspaß, weil die Männer immer aus ihren Heimaten erzählten. Wir hatten die ganze Welt im Haus.
John aus Kenia
Und weil meine Eltern sehr gut verdienten, konnten wir uns viel mehr Reisen leisten als andere. Und meine Eltern reisten auch alleine, beispielsweise nach Kenia, was 1975 nicht eben erschwinglich und ein normales Reiseziel war. Sie kamen zurück mit Fotos von „John“. Im Hotel angekommen, siedelten sie wenige Tage später in ein Dorf zu John um, der im Hotel arbeitete und verbrachten ihren Urlaub dort unter primitiven Bedingungen. Immer zu Weihnachten bekam Johns Familie ein Paket von uns, einige Wochen später erhielten wir einen Brief und Fotos von John und seiner Familie. Anfangs waren sie zu viert, später zu acht. Dann verlor sich der Kontakt. John und seine Familie waren die ersten „Schwarzen“, zu denen ich Bezug hatte, wenngleich nur auf Fotos und Erzählungen durch meine Eltern. Und John und seine Familie waren so richtig schwarz.
Mein Vater war ein sehr guter Koch und hat mir viel beigebracht. Übers Kochen, übers Handwerk, über den Umgang mit Menschen. Auch das war besonders – die Küche, mit der ich groß geworden bin. Denn mein Vater brachte aus jedem Land das Essen mit. Ob Weißwürste oder „Grünkohl mit Pinkel“, ob südeuropäisch, asiatisch, afrikanisch oder vom Balkan. Alles gab es bei uns längst, bevor es andere kannten. Im Keller gab es viel Eingemachtes, weil die Konservenversorgung in meiner Jugend eher überschaubar war und „Tiefkühlkost“ gab es nicht. Auch das machte uns „exotisch“ – also aus Sicht meiner Freunde. Und die saßen sehr gerne am Tisch, weil es einfach neu und köstlich schmeckte. Manches aßen sie nicht, beispielsweise Froschschenkel – nicht aus „ideologischen“ Gründen, sondern aus Ekel. Machte mir nichts aus, denn es blieb mehr für mich übrig.
Und ich erinnere mich sehr gut an Momente, in denen meine Mutter verständnislos mit fragendem Blick vor meinen Freunden stand. Denn die sprachen pfälzisch und sie nur hochdeutsch. Meine Eltern haben sich zeitlebens nie assimiliert. Wenn jemand breiten Dialekt sprach, waren sie hilflos.
Pfarrer Bruder
Ich habe verschiedene Leitkulturen kennengelernt. In Limburgerhof, in Hochdorf-Assenheim, in Frankenthal und in vielen anderen pfälzischen Orten, wo es meist eigene sprachliche Dialekte und „Traditionen“ gibt. Als Kind wurde ich sehr durch das Christentum geprägt. Pfarrer Bruder war mein Religionslehrer und Pfarrer in Frankenthal. Er hat auf mich und mein Denken entscheidenden Einfluss ausgeübt. Sein Entschluss, Pfarrer zu werden, geschah im Krieg, als ihm Granatsplitter sein Knie zerfetzten und er das überlebte. Da kam bei ihm die Sinnfrage auf.
In der dritten Klasse kam einer zu uns, der zwei Jahre älter war und aus „sozial schwierigen Verhältnissen stammte“. Ein Deutscher. Ich war ein rauflustiger Bursche und gehörte zu denen, die sich nicht nur wehren konnten, sondern „Respekt“ erhielten. Auch, weil ich mich für andere eingesetzt habe. Doch der Typ war zwei Jahre älter, sehr stark und auch für mich ein „Brecher“. Eines Tages verprügelte der „Frankie“, einen kleinen Kerl, der ein sehr großes Mundwerk hatte. Er schlug ihm immer wieder den Kopf auf eine Tischplatte und ich hatte Angst – der war zu gefährlich. Dann kam Pfarrer Bruder durch die Tür, sah das, machte trotz steifen Beins einen Sprung, schnappte sich den Kerl, ohrfeigte ihn und zog in am Kragen aus dem Schulzimmer. Danach war der weg. Heute wäre Pfarrer Bruder weg.
„Es gibt kein Leben ohne Gewalt“, habe ich mir eingeprägt, als ich Pfarrer Bruder die sich mir drängende Frage gestellt habe, wieso er als Pfarrer diesen Typen geohrfeigt und aus dem Zimmer geschleift hatte: „Unsere Aufgabe ist, dieses Leben möglichst gewaltfrei zu machen.“ Das hat mir imponiert. Weil ich erlebt habe, dass er richtig gehandelt hat. Und daran halte ich mich bis heute.
Ich habe noch nie in meinem Leben einen anderen Menschen angegriffen. Aber ich habe mich insbesondere als Jugendlicher häufig geprügelt – weil ich andere schützen wollte oder selbst angegriffen wurde. Von sechs bis zehn Jahre habe ich Judo gelernt, danach bis 18 Karate, ab 30 Jahre Kung-Fu. Der Umgang mit Techniken der Gewalt – ich sage bewusst nicht „Kampfsport“ – hat mich intensiv beschäftigt. Deswegen bin ich auch grundsätzlich gegen Gewalt, nicht aber gegen staatlich legitimierte, denn Gewalt gibt es immer, man muss aber damit möglichst rechtsstaatlich und vernünftig umgehen.
Ich, der Ausländer
Nach der Schule und später habe ich viele Jahre im Ausland gelebt, wo ich eben Ausländer war. Man muss sich anpassen, hätte jemand verlangt, dass ich meine Herkunft verleugne, hätte es Stress gegeben. Den gab es, denn ich war qua Geburt nie ein Nazi, aber qua Zeit wurde ich früher durchaus damit konfrontiert, insbesondere in Frankreich. Die Beziehungen von Deutschland und Frankreich wurden immer besser und irgendwann verschwanden auch die Vorwürfe.
Was mir sehr bewusst ist: Ich war im Ausland immer ein privilegierter Ausländer. Als Deutscher galt man was (auch bei Nazi-Vorwürfen). Ich hatte sehr viele „ausländische“ Erfahrungen durch das oben beschriebene Leben. Ich hatte gehört, wie andere sich anpassen mussten und gelernt, mich anzupassen. Ich habe eine außerordentlich gute Schulbildung erhalten und spreche mehrere Sprachen zwar nicht perfekt, aber doch so gut, dass ich nicht nur durchkomme, sondern auch ernste Gespräche führen kann.
Durch die vielen Ortswechsel in jungen Jahren musste ich lernen, mich zu „integrieren“ – das war schwer, obwohl ich es viel einfacher hatte als alle „echten“ Ausländer. Mein Leben im Ausland war nie einfach, aber viel einfacher als für alle, die aus Ländern kommen, denen man sehr kritisch gegenüber steht.
Ich bin natürlich kein Exil-Ossi, verfolge aber gespannt die Debatte, ob die Ossis nicht auch so eine Art „nicht-integrierte Ausländer“ sind. Die Vergleiche gibt es. Im Westen.
Nun komme ich zu Mesut Özil und einem Text in der Süddeutschen, den ein türkischstämmiger Freund von mir, Deutscher, auf Facebook gepostet hat: „Als wären Deutschtürken Bürger auf Bewährung„. Der Text beginnt mit einer „Schulhofpraxis“, „Aufnahmeritualen“ und der „Erkenntnis“, man verlange von anderen „so zu sein wie wir“. Erdogan-Anhänger werden gezielt in Beziehung gebracht mit Neonazi-Supportern im NSU-Prozess. Das verschlägt mir echt die Sprache. Das ist dummer Journalismus, wie er dümmer nicht geht.
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Mesut Özil ist ein Star, aber kein gesellschaftlich bedeutender Mensch
Mesut Özil ist ein „herausragender“ Sportler. Mehr nicht. Er ist nicht bekannt für außerordentliches gesellschaftliches Engagement. Er ist ein erfolgreicher Fußballspieler und damit herausgehoben im Fokus der Öffentlichkeit. Viel mehr als ich, obwohl ich studiert habe und seit fast dreißig Jahren meine Arbeit in den Dienst der Öffentlichkeit stelle. Ich vergleiche mich nicht mit Herrn Özil, aber ich muss auf Unterschiede hinweisen.
Herr Özil kann Fußball spielen und sehr viel Geld verdienen. Das geht in Ordnung. Aber wenn er sich vor einer Wahl vor dem Hintergrund seiner (nicht-politischen) Bekanntheit, politisch instrumentalisieren lässt oder dies auch selbst will, was ich nicht weiß, dann muss er mit öffentlicher Kritik rechnen und diese nicht nur aushalten, sondern im Zweifel sich auch dazu verhalten. Er ist nicht zufällig auf Fotos mit Herrn Erdogan geraten.
Wer daraus allerdings eine Generaldebatte über Türken in Deutschland ableiten will – und das machen viele – hat echt einen an der Klatsche. Herr Özil ist nicht „Türken in Deutschland“.
Herr Özil hat zu einem denkbar ungünstigen Moment eine denkbar ungünstige bildliche Botschaft versendet. Das kann man ihm vorhalten, aber das ist nicht Sinnbild für Türken in Deutschland, schon gar nicht für Deutsche, die früher mal türkisch waren.
Ich stehe zu meinen Freunden mit ausländische Hintergrund und bin froh, sie zu kennen und mit ihnen zu leben. Sie bereichern mein Leben. Auch, weil sie mir davon erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Privat. Ich erkenne mich anders, aber doch wieder.
Wer Öffentlichkeit will, muss damit umgehen
Herr Özil hat nicht privat gehandelt, sondern öffentlich. Das war sein Fehler. Also muss er sich der öffentliche Debatte stellen und genau das werfe ich ihm vor: Er hat ein Zeichen gesetzt und dann versagt. Ich vermute – und das ist nur eine Meinung – dass er den Anfang nicht bis zum Ende gedacht hat und jetzt in Schwierigkeiten ist. Dafür kein Mitleid. Wer so prominent ist und so gut verdient, kann sich professionell beraten lassen. Wenn er jetzt, zu spät, mit irgendwas um die Ecke kommt, dann wirkt das einfach nur “ strategisch beraten“. Herr Özil wusste, wie bekannt er ist, er hat das genutzt und damit das Private verlassen und Öffentlichkeit gesucht. Damit ist er gescheitert. Und das sollte ihm und anderen, egal welcher Herkunft, eine Lehre sein.
Wenn Türken in Deutschland, wie wir das berichtet haben, zu Erdogan-Demos aufrufen, diese durchführen, dabei türkisch kundgeben und die türkische Flagge schwenken, dann stelle ich als deutscher Journalist die Frage, was das soll. Ebenso, wenn das türkische Kurden tun oder Araber, die Israelis als Kindermörder bezeichnen.
Ich bemühe mich seit mehreren Jahren um Mitarbeiter, die einen „türkischen Hintergrund“ haben. Ich finde keine, die bereit sind, sich öffentlich journalistisch zu betätigen, weil das ein „Minenfeld“ ist. Und das ist meine persönliche berufliche Erfahrung, aus der ich ableite, dass die Türken in Deutschland trotz gut vierzig Jahren „Hiersein“, irgendwo anders sind. Also nicht „die Türken“, aber sehr viele.
Sorry. Da debattiere ich nicht über eine „deutsche Leitkultur“, sondern über die Frage, warum es scheinbar unmöglich ist, über „türkische Verhältnisse“ in Deutschland zu berichten und stelle sofort die Anschlussfrage, ob das möglicherweise damit zusammenhängt, dass es eine türkische Parallelgesellschaft in Deutschland gibt, die nicht bereit ist, über sich öffentlich und diskursiv berichten zu lassen. Und weiter stelle ich die Frage auch gegenüber anderen Migranten, ob aus Polen, Italien oder sonstwoher.
Beschämende Geschichten
Im Grunde ist es doch ganz einfach. An meinem Beispiel. Ich fühle mich als Pälzer. Da bin ich geboren und aufgewachsen. Ich habe mehrere Jahre in anderen Ländern gelebt, hauptsächlich Frankreich und Italien. Seit ich 23 Jahre alt bin, lebe ich ich in Mannheim mit ein paar Jahren in Heddesheim. Also bin ich auch Nordbadener, aber eher Mannheimer. Wer mich nach der Herkunft fragt, bekommt zwei Antworten: Pfälzer, Deutscher. Wer mich nach meiner Geschichte fragt, erfährt, was im Artikel beschrieben ist und die offene Frage, ob mein Nachname nicht möglicherweise auf einen jüdischen Ursprung hindeutet. Dazu habe ich keine Informationen und das interessiert mich auch herzlich wenig.
Wenn ich an die Geschichten von Freunden mit ausländischen Hintergrund denken, denen viel Ungerechtigkeit entgegengebracht worden ist, ballt sich meine Hand aus Zorn zur Faust in der Tasche. Ich benutze aber das Wort und nicht die Faust. Diese Geschichten beschämen mich als „Deutscher“, obwohl ich damit so wenig zu tun habe wie mit „den Nazis“.
Wenn ein angebliches Scheitern der Integration von Türken am Beispiel Mesut Özil festgemacht werden soll, habe ich das Gefühl, ohnmächtig den Verstand verlieren zu müssen. Ganz klar hat Herr Özil einen Fehler gemacht – müssen dafür Millionen von türkischstämmigen Menschen in Deutschland kollektiv haften? Echt jetzt?
Andererseits ist es unbestreitbar, dass sehr viele Türken zwar in Deutschland leben, aber im Herzen woanders sind. Das bedrückt mich sehr und die Frage, warum das so ist, ist wichtig, weil das eigentlich nicht so sein darf.
Man darf von allen Menschen in diesem Land verlangen können, die seine Vorteile genießen, dass sie sich auch dazu bekennen. Wer Nachteile sieht, hat das Recht und die Möglichkeit, diese zu benennen und sich dafür einzusetzen, dass diese beseitigt werden.
Wer in Deutschland leben will, aber nicht die Leitkultur der Rechtsstaatlichkeit, basierend auf dem hier geltenden Grundgesetz, akzeptiert, soll sich meiner Meinung nach zum Teufel scheren. Die deutsche Leitkultur ist auch eine des Leids, also mehr als die Sprache und Traditionen, sondern insbesondere historische Erfahrung, zu der eines der allerschlimmsten Verbrechen an der Menschheit gehört. Daraus resultierte, was sehr, sehr gut ist, ein Bekenntnis zur Demokratie und zur Rechtsstaatlichkeit.
Genau das muss Maßstab für alle sein, die in Deutschland leben und mitwirken wollen. Wer anderen „Werten“ huldigt, gehört damit zwangsläufig nicht dazu.
Das muss im Einzelfall immer differenziert werden.
Das gilt für Ausländer wie für Deutsche (auch die mit Migrationshintergrund).
