Rhein-Neckar, 12. Dezember 2016. (red/ae) Für viele klingt es wie der große Traum: Als Backpacker durch Australien reisen. Der rote Kontinent bietet wenig Schatten, hat aber große Schattenseiten. Am 20. November erschien bei Spiegel online ein Artikel, der über die Ausbeutung von Backpackern in Australien berichtet (den Artikel finden sie hier). Unsere Autorin hat während ihres einjährigen Aufenthalts in „Down Under“ diese Erfahrung leider selbst machen müssen.
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Von Alina Eisenhardt
Es ist 12 Uhr mittags. 38° Celsius. Mir ist schwindlig. Ich arbeite bereits seit 6 Stunden in der Sonne.
Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh. Du bist nur ein Backpacker. Du bist austauschbar. Du bist nichts wert.
Ich bin auf einer Farm und werde von meiner Vorgesetzten angeschrien. Weil ich meine Arbeit pausiert habe. Um Wasser zu trinken.

Sieben Stunden am Tag arbeiten die Backpacker auf dem Feld. Schatten gibt es keinen.
Ich bin auf einer Plant Nursery in New South Wales, Australien. Das ist eine Farm, auf der Pflanzen gezüchtet werden. Für die Arbeit auf dem Feld werden ausschließlich Backpacker eingestellt. Billige Arbeitskräfte. Bezahlt werden wir nicht pro Stunde, sondern nach Arbeitsleistung – also im Akkord. Für jede behandelte Pflanze bekomme ich 6 Cent. Vorgesetzte laufen durch die Reihen. Stellen sicher, dass alle arbeiten. Die physischen und psychischen Belastungen sind enorm.
Das ist moderne Sklavenarbeit,
sagt ein Backpacker neben mir.
Ich beschließe zu kündigen. Mich nicht ausbeuten zu lassen. Mit dem Wissen, dass ich sofort durch einen anderen Backpacker ersetzt werde, der dringend Arbeit sucht. Der Besitzer setzt mich am Straßenrand vor der Farm ab. Der einzige schattige Platz ist unter einem Baum auf einer Wiese. „Da würde ich mich nicht hinsetzen.“, sagt der Besitzer. „Im Gras gibt es Schlangen. Wenn die dich beißen, bist du tot. Erst vor zwei Wochen ist hier jemand gestorben.“
Nach einer Stunde holt mich der Manager meines Hostels ab. Er erzählt mir, dass das eine Lüge ist. Hier sei seit Jahren niemand mehr an einem Schlangenbiss gestorben.
Was klingt wie ein Albtraum, ist mir tatsächlich passiert – und in Australien keine Seltenheit. Während meines 12-monatigen Aufenthalts in „Down Under“ begegnete ich vielen anderen Reisenden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wie ist eine solche Ausbeutung möglich?
Expensive Australia
Das Leben in Australien ist teuer. Laut dem Australian Bureau of Statistics liegt der durchschnittliche Wochenlohn eines Australiers bei 1.516 Australischen Dollar (1.064 Euro). Das sind 216 AUD (151 Euro) pro Tag. Für Lebensmittel zahlt man wöchentlich ungefähr 80 – 280 Dollar. Der billigste Käse der populären Supermarktkette „Woolworths“ kostet bereits 7 Dollar. Für eine Unterkunft bezahlt man im Durchschnitt 85 – 215 Dollar pro Woche.
Viele Working-Holiday-Reisende unterschätzen diese Kosten. Die 5.000 AUD (ca. 3.400 Euro), die man vor der Einreise vorweisen muss, sind bald weg. Dann braucht man Arbeit. Schnell. Großstädte wie Sydney, Melbourne oder Perth sind überflutet mit Reisenden, die einen Job suchen. Oft findet man erst nach Wochen eine Beschäftigung. Dann bleibt nur noch die unbeliebte Arbeit auf Farmen – häufig für weniger als den Mindestlohn von 17,70 Dollar.

Nach der harten Arbeit ist die Wanderung im Grampians National Park ein Kinderspiel.
Ausbeutung der Geldnot und Reiselust
Viele Backpacker suchen Arbeit auf einer Farm, um das „Second Year Visa“, ein zweites Working-Holiday-Visum, zu erhalten. Die Voraussetzung dafür ist der Nachweis, dass man mindestens drei Monate oder 88 Tage in Vollzeit „specified work“ getätigt hat. Bei den anerkannten Tätigkeiten handelt es sich hauptsächlich um landwirtschaftliche Arbeit. Die Geldnot der Backpacker und der Wunsch nach einer erweiterten Aufenthaltserlaubnis wird von den Arbeitgebern schamlos ausgenutzt.
Selbstverständlich beutet nicht jeder Arbeitgeber Working-Holiday-Reisende aus. Viele Farmer bezahlen gut für die harte Arbeit. Man sollte sich genau informieren, auf welcher Farm arbeitet und sich nicht unter seinem Wert verkaufen. Sonst wird die Reise schnell zu Albtraum.
Übrigens: Kurz darauf fand ich gut bezahlte Arbeit auf einer Farm, die meine Reise durch Australien finanzierte. Ich entdeckte meine Liebe zu den Menschen, der Kultur, dem Land. Ich weiß genau: „I’ll be back“. Glücklicherweise habe ich das „Second Year Visa“ bekommen, ohne mich ausbeuten zu lassen.

Glücklicherweise besteht das Leben in Australien nicht nur aus Arbeiten.
