Mannheim, 07. Februar 2024. (red/pro) Der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (69) war in Mannheim – um die Direktkandidatin Melis Sekmen (31) zu unterstützen. Doch wird das Frau Sekmen, der CDU und Mannheim nützen? Der Blick auf Mannheim lohnt sich, meint RNB-Redaktionsleiter Hardy Prothmann. Denn die Metropolregion gilt als eine Art Mikrokosmos für Gesamtdeutschland und Mannheim ist zwar eine kleine Großstadt, hat aber Metropolcharakter in der Region.
Von Hardy Prothmann
Bei der kommenden Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wird es sehr spannend in Mannheim. Dabei war das früher mal anders. Und in den vergangenen Jahren kann man sich irgendwie auf gar nichts mehr verlassen. Denn hier geht es politisch drunter und drüber.
Ehemals „rote Hochburg“ Mannheim
Bis 1990 war Mannheim fest in der Hand der SPD – von 1949-1969 gewann Carlo Schmid das Direktmandat, 1972-1987 Werner Nagel, 1990 einmalig Siegfried Vergin.
1994 holte erstmals Egon Jüttner für die CDU das Direktmandat, gab es dann 1998-2005 drei Mal an Lothar Mark (SPD) ab, um den Wahlkreis dann 2009 und 2013 zu gewinnen. Bemerkenswert sind dabei die klaren Wahlerfolge – einige Male über 50 Prozent, häufig über 40 Prozent bis 2013 mit 39,8 Prozent (Jüttner) gab es „klare“ Wahlsieger. Das änderte sich 2017 mit dem Kandidaten Nikolas Löbel – er erreichte gerade mal 29,3 Prozent für die CDU und musste im letzten Jahr der Wahlperiode wegen der Maskenaffäre seinen Hut nehmen.
2021 war wieder ein besonderes Jahr – Isabel Cademartori (SPD) reichten dann kümmerliche 26,4 Prozent in der ehemaligen „roten Hochburg“ für das Direktmandat – historisch gesehen seit 1949 aber das schlechteste Ergebnis im Wahlkreis 275 Mannheim.
Aufsteigerin Melis Sekmen
Gleichzeitig erreichte Melis Sekmen 2021 für die Grünen das bislang beste Ergebnis der Partei in Mannheim – 22,5 Prozent Erststimmen. Stattlich, könnte man meinen, dass die junge Frau, die nach einem sehr langen Studium gerade mal ihren Bachelor in Volkswirtschaftslehre irgendwie im Alter von Ende 20 gemacht hatte, ein solches Ergebnis einfährt – nachdem der renommierte und promovierte Volkswirt Gerhard Schick 2017 nur 13,1 Prozent erreicht hatte. Der CDU-Verlegenheitkandidat Roland Hörner kam gerade mal auf 19,9 Prozent – ein völlig blamabler Absturz von -8,9 Prozentpunkten gegenüber 2017.
Nüchtern betrachtet könnte man auch sagen: the trend is your friend. 2019 wurde Melis Sekmen bei der Kommunalwahl in Mannheim Stimmkönigin. Das entsprach der allgemein hohen grünen Welle, vor allem in den Städten. Qualifikation und Leistung spielten da häufig keine Rolle.
Friedrich Merz sieht das anders – bei tagesschau.de wird er nach dem „überraschenden“ Wechsel von Frau Sekmen von den Grünen zur CDU am 2. Juli 2024 zitiert: „Mit ihrer Familiengeschichte und ihren Themen verbindet Frau Sekmen vieles, wofür auch die CDU steht. Wir machen Politik für die fleißigen Menschen in unserem Land.“ Ebenfalls dort heißt es: „Menschen über ihr Tun, ihr Wirken und nicht über ihre Herkunft zu definieren, dafür stehe für sie das neue Grundsatzprogramm der CDU, so die Politikerin.“

Melis Sekmen bei einer ihrer seltenen Reden im Bundestag hier noch als Abgeordnete der Grünen. Quelle: Deutscher Bundestag
Melis Sekmen also als junge, fleißige Vorzeigepolitikerin, die sich nach einem Irrtum bei den Grünen nun dahin entwickelt, wo sie hingehört, in die CDU? Das Fleißometer zeigt bei ihr wenig Ausschläge – in der Wirtschaft hat sie nie gearbeitet, als „Start-up-Spezialistin“ nie gegründet und im Bundestag lassen sich gerade mal sechs Reden von ihr finden. Und alle für die Partei, über deren Listenplatz sie es in den Bundestag geschafft hatte, Bündnis90/Die Grünen. Und seither? Kein Redebeitrag für die CDU, keine weiteren Anzeigen für besonderen „Fleiß“. Zum Vergleich – der FDP-Bundestagsabgeordnete Konrad Stockmeier bringt es auf bislang 55 Reden – auch wenn man hier berücksichtigen muss, dass Vertreter kleinerer Parteien halt häufiger ran müssen. (Isabel Cademartori (SPD) 37, Gökay Akbulut (Die Linke) 44).
Historisches Tief der CDU
Was wird nun aus Melis Sekmen bei der kommenden Wahl? Vermutlich nichts. Zumindest was ein Bundestagsmandat angeht. Nach der Wahlrechtsreform fallen die Ausgleichsmandate weg, was gerade für Baden-Württemberg bedeutet, dass vermutlich nur die Gewinner eines Direktmandats zum Zug kommen, aber nicht alle. Melis Sekmen steht auf Listenplatz 7 der Südwest-CDU und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit also nicht über die Liste in den Bundestag kommen. Und für das Direktmandat müsste sie das historische Tief der CDU Mannheim von 19,9 Prozent massiv steigern – ohne „the trend is your friend“-Vorteil, denn bei den Grünen ist sie unten durch und ob sie in der CDU Mannheim ein halbes Jahr nach dem Parteibuchwechsel tatsächlich angekommen ist, darf man bezweifeln.
Dazu kommt die massiv negativ aufgeladene Stimmung in der Stadt gegen die CDU nach dem gescheiterten Vorstoß des „Zustrombegrenzungsgesetzes“ von Friedrich Merz, für das sich auch Melis Sekmen stark gemacht hatte. Auf ihr Wahlkreisbüro gab es eine Farbschmierattacke und beim Besuch von Friedrich Merz in der Kulturhalle Feudenheim am 06. Februar 2025 hatten die Jugend von SPD und Grünen einen Protest angemeldet – rund 400 Personen gaben laut Polizeipräsidium Mannheim ihren Protest kund, während die Halle mit rund 500 Personen voll besucht war. In den regionalen Medien hat vor allem der Protest gegen Merz Raum – positive Wahlkampfstimmung geht anders.
Die CDU Mannheim erwähnt Melis Sekmen in der Pressemitteilung zum Merz-Auftritt (16 Nennungen) ganz vier Mal und zitiert sie: „Mannheim, ihr seid klasse.“ Und weiter: „Melis Sekmen hob zudem hervor, dass bezahlbare Energie in der Region Mannheim essenziell sei und die Steuerlast gesenkt werden müsse.“ Ob das das für ein Direktmandat reicht?
Die größte Aufmerksamkeit im neuen Jahr konnte Gökay Akbulut auf sich ziehen, nachdem sie angeblich in einem IC der Deutschen Bahn auf der Strecke Heidelberg-Stuttgart durch fremdenfeindliche Fußball-Fans angegriffen worden sein will – daran gibt es aber mittlerweile erhebliche Zweifel. Nicht an einem Vorfall an sich, doch an den Umständen.
Wer vertritt Mannheim in der kommenden Legislatur?
Isabel Cademartori hatte 2021 zwar das historisch schlechteste Ergebnis der SPD eingefahren, die 26,4 Prozent bei den Erststimmen reichten aber für das Direktmandat – nicht weil, die SPD so sehr im Aufwind gewesen wäre, sondern die CDU im Abwind. Sollte die SPD auch in Mannheim dem Abwärtstrend folgen, wird es trotzdem für Melis Sekmen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht reichen und auch die grüne Kandidatin Nina Wellenreuther ist mit Listenplatz 21 eher chancenlos.
Aktuell steht sie auf Platz 9 der SPD-Landesliste und darf hoffen, darüber erneut ein Mandat zu erhalten. Für Gökay Akbulut hängt alles davon ab, ob Die Linke die 5 Prozent-Hürde packt. Konrad Stockmeier hingegen, der mit viel Fleiß aufgefallen ist, kann sich davon nichts kaufen. Mit Listenplatz 11 der Landes-FDP wird es nicht reichen, mal abgesehen davon, dass die FDP erheblich zittern muss, überhaupt die 5 Prozent zu erreichen.
Aktuell hat Mannheim drei Frauen und einen Mann im Bundestag – nach der Wahl am 23. Februar reicht es vermutlich nur noch für ein Mandat. Spannend wird das Abschneiden der AfD werden – nach 9,6 Prozent der Zweitstimmen in Baden-Württemberg und 10,4 Prozent insgesamt bei der Bundestagswahl könnte es vielleicht für den Mannheimer Kandidaten Heinrich Koch reichen, sollte die AfD 20+ Prozent im Ländle erhalten. Zur Erinnerung: 2016 verlor die SPD ihr Direktmandat im Landtagswahlkreis Mannheim-Nord „völlig überraschend“ an den „Newcomer“ Rüdiger Klos – natürlich gab es einen Grund, die erhebliche Belastung der Stadt mit in der Spitze bis zu 25.000 Asylbewerbern vor allem im Mannheimer Norden.
Der Mord am Polizeibeamten Rouven Laur am 31. Mai 2024 durch einen afghanischen Asylanten auf dem zentralen Marktplatz in Mannheim war ein schwerer Schock und sicher nicht förderlich für die „Einwandererstadt“ Mannheim, die nicht erst seit 2015 massive Probleme wegen des hohen Anteils an Migranten hat.
Nach den weiteren jüngsten „Anschlägen“ (offiziell sind es „einfache Morde“) in Solingen, Magdeburg und Aschaffenburg ist die Stimmung im Land, freundlich ausgedrückt, besorgt.
Neue Chancen
Und ob die Mannheimer wirklich einer CDU-Frau mit linksgrüner Vergangenheit ihre Stimme geben wollen, entscheidet sich dann, wie immer, in der Wahlkabine. Die Marke liegt bei 19,9 Prozent für die CDU – für Melis Sekmen bei persönlichen 22,5 Prozent. Kann sie halten oder unterbieten, das ist die Frage?
Für Melis Sekmen kann die nicht-Wiederwahl aber eine Chance sein – auf dem freien Arbeitsmarkt in der Wirtschaft. Da ist sie, wie sie sich selbst darstellt, Expertin. Alternativ gibt es vielleicht irgendwo im Parteiapparat einen Job. Nach der Wahl ist immer vor der nächsten Wahl.
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