Rhein-Neckar / Ahrtal, 02. Februar 2026. (red/pro) In diesem Beitrag geht es um die Dokumentation eines konkret versuchten Framings wenige Wochen nach der Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal – oder anders formuliert: Warum Journalismus prüft und Influencer oft nur behaupten. Bis heute kursieren Erzählungen, die offiziellen Angaben widersprechen und staatlichen Stellen schwere Manipulation, Vertuschung oder sogar bewusste Fälschung unterstellen. Besonders wirkmächtig sind solche Behauptungen, wenn sie mit vermeintlichen „Insiderquellen“, militärischen oder behördlichen Namen und einer Aura exklusiven Wissens operieren. Im Juli dieses Jahres jährt sich die Katastrophe zum fünften Mal – genug Zeit also, um solche „Erzählungen“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, sie einzuordnen, zu korrigieren und dies öffentlich nachvollziehbar darzustellen.
Von Hardy Prothmann
Bis heute hat sich bei vielen Menschen die Vorstellung eingebrannt, Landwirte und Bauunternehmer seien die ersten Helfer im Ahrtal gewesen, als eine Art Tsunami durch das Tal rollte und ein apokalyptisches Bild der Zerstörung hinterließ – mit 136 Toten. Diese Darstellung ist so nicht zutreffend. Die ersten organisierten Helfer vor Ort waren institutionell Feuerwehren, Polizei und Technisches Hilfswerk – und vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner des Ahrtals selbst.
Richtig ist zugleich, dass es sehr früh zahlreiche private Helfer gab, darunter Privatpersonen und Unternehmer, die insbesondere in der ersten Chaosphase Aufräumarbeiten leisteten, Menschen unterstützten und damit faktisch auch staatliche Strukturen entlasteten. Anders wäre eine solche Ausnahmesituation kaum zu bewältigen gewesen.
Gerade bei Ereignissen dieser Dimension entstehen jedoch schnell Gerüchte. Kommunikation ist chaotisch, Informationen fragmentarisch. Aus Gerüchten werden Narrative – scheinbare „Wahrheiten“, die sich emotional verfestigen. Zu diesen Narrativen gehören nicht nur Behauptungen über angeblich massiv höhere Todeszahlen, sondern auch Erzählungen über „Kinderleichen“, geheime Bergungen oder bewusst unterdrückte Informationen.
Gemeinsam ist ihnen ein Muster: Zweifel werden nicht überprüft, sondern inszeniert – mit dem Ziel, Vertrauen zu untergraben und Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Der folgende Text dokumentiert exemplarisch, wie versucht wurde, meine journalistische Arbeit für die Verbreitung solcher Zweifel zu instrumentalisieren – und warum diese Methode auch für Journalisten problematisch sein kann, wenn man sich auf eine angebliche oder gefühlte „Glaubwürdigkeit“ verlässt, statt streng journalistisch-handwerklich vorzugehen.

Jemand von der NATO erzählt einem „hohen Tier“ bei der Bundeswehr was, der es einem Influencer steckt, was der schon von „der Feuerwehr“ weiß. So entstehen Gerüchte ohne jede belastbare Substanz. Verbreitet werden solche Gerüchte über Messenger wie Whatsapp, in sozialen Netzwerken – und sind meist nicht mehr auf die „Quelle“ zurückzuverfolgen. Einmal in der Welt existieren sie als vermeintliche „Wahrheit“ durch kollektive Wahrnehmung – ohne Substanz. Foto: KI-generiert, keine der abgebildeten Personen ist real.
Zweifel sind erlaubt – Methode ist Pflicht
Zweifel sind legitim. Sie sind sogar notwendig. Aber Zweifel ersetzen keinen gesunden Menschenverstand und schon gar keine Recherche. Journalismus beginnt nicht mit Meinung, sondern mit Fragen:
- Stimmt das?
- Kann das stimmen?
- Wer könnte das wissen?
- Wer müsste es wissen?
- Wer dürfte es wissen – und wer nicht?
- Wie wird das belegt?
Ab diesem Punkt beginnt verantwortliche Arbeit, die Zeit benötigt: Zuständigkeiten klären, Verfahren verstehen, Quellen und Belege prüfen, unabhängige Stellen abgleichen. Genau diese Schritte fehlen bei vielen influencergetriebenen Erzählungen. Sie verbleiben auf der Ebene der emotionalen Behauptung – und bedienen sich anschließend selektiv journalistischer Arbeit, um eigene Narrative zu bestätigen oder umzudeuten.
Journalistische Arbeit ist wertvoll – hier können Sie uns unterstützen.
Ein dokumentierter Versuch der Instrumentalisierung
Im August 2021 erhielt ich eine Sprachnachricht des zu diesem Zeitpunkt schon „meinungsführenden“ und überregional bekannten Markus Wipperfürth. Darin wurde behauptet, die offiziell bekannten Todeszahlen der Flutkatastrophe seien falsch. Zur Begründung wurden unspezifizierte Kontakte „von der NATO“, ein angeblicher Bundeswehrangehöriger „hohen Rangs“ sowie pauschal „die Feuerwehr“ angeführt. Zusätzlich leitete mir Wipperfürth eine Sprachnachricht seines Influencer-Kollegen Christian Lohmeyer weiter, der sich sinngemäß wünschte, dass „ein Journalist“ diese Frage stellen müsste, damit der gefragte Behördenvertreter „in die Enge getrieben“ würde, das sei dann „ein Skandal“ und für denjenigen wäre das „sein Ende“.
Beide Sprachnachrichten äußern nicht den Hauch eines Zweifels.
Konkret fiel dabei die Zahl von „800 Toten“, verbunden mit dem Hinweis, diese Information werde „offiziell nicht gesagt“.
Diese Form der Ansprache folgt einem bekannten Muster: institutionelle Namen ohne Zuständigkeit, anonyme Autoritäten, emotionale Zuspitzung – und der implizite Auftrag, diese Zweifel journalistisch weiterzutragen, etwa durch öffentliches „Festnageln“ staatlicher Stellen auf Pressekonferenzen.
An dieser Stelle sei eine persönliche Anmerkung erlaubt, die meine berufliche Haltung betrifft: Journalismus dient nicht dazu, Personen „festzunageln“, „in die Enge zu treiben“, gar „zu jagen“ oder sonstwie bloßzustellen. Er folgt weder Rache- noch Revanchelogiken. Seriöser Journalismus erfüllt eine gesellschaftliche Aufgabe: Informationen zu sammeln, einzuordnen und der Öffentlichkeit zur Meinungsbildung bereitzustellen – kritisch, abwägend, nachvollziehbar und überprüfbar.
Meine Reaktion auf das versuchte Framing: Prüfung und Verwerfung
Ich habe diese Angaben damals geprüft – und als nicht belastbar verworfen.
Nicht, weil Behörden widersprachen, sondern weil die Behauptung strukturell unmöglich ist.
Um das zu verstehen, muss man sich ansehen, wie Todesfälle in Deutschland tatsächlich erfasst werden.
NATO: Ein Name ohne jede Zuständigkeit
Die NATO ist ein militärisches Bündnis. Sie ist keine Ermittlungsbehörde, keine Katastrophenschutzbehörde und keine Statistikstelle für zivile Todesfälle in Deutschland.
Sie hat:
- keine Zuständigkeit für Todesermittlungen,
- keinen Zugriff auf Opferzahlen,
- keine Rolle bei Identifizierung oder Dokumentation Verstorbener.
Der Verweis auf „jemanden von der NATO“ ist kein Hinweis auf ein vermeintliches „Insiderwissen“, sondern auf Unkenntnis staatlicher Strukturen. Ob fahrlässig oder vorsätzlich, spielt keine Rolle.
Bundeswehr: Hilfe ja – Ermittlungswissen nein
Die Bundeswehr war im Ahrtal im Einsatz: mit Pionieren, Logistik, Transport und technischer Hilfe und hat insbesondere durch Brücken und die Versorgung mit Kraftstoff eine absolut wesentliche Hilfe geleistet. Was sie nicht leisten konnte und wofür sie überhaupt keine Befugnis, geschweige denn Strukturen hat:
- keine Erfassung von Todesfällen,
- keine zentrale Opferliste,
- keine Weitergabe offizieller Zahlen.
Rang oder Dienstgrad („hohes Tier“) ändern daran nichts. Zuständigkeit ersetzt Rang – nicht umgekehrt.
„Die Feuerwehr“ gibt es nicht
Ein weiterer typischer Fehler ist der pauschale Verweis auf „die Feuerwehr“. Wer sich derart äußert, belegt sofort, völlig ahnungslos zu sein. Es gibt „die Feuerwehr“ schlichtweg nicht, außer in der Fantasie gewissen Leute. Es gibt hingegen viele Feuerwehren – freiwillige, berufliche, regionale, überregionale. Sie leisten lebensrettende Arbeit. Aber:
- Feuerwehren führen keine Todesstatistiken,
- sie entscheiden keine Gesamtzahlen,
- sie veröffentlichen keine Opferbilanzen.
Aussagen einzelner Einsatzkräfte sind Momentaufnahmen – emotional geprägt, fragmentarisch, nicht belastbar und höchstens eine persönliche Meinung. Journalistisch sind sie kein Beleg, sondern höchstens ein Rechercheansatz.
Wer Todeszahlen wirklich kennt
In Deutschland ist das klar geregelt. Auch hier gilt: Es können Fehler passieren, es kann Verfehlungen bei einzelnen Handelnden geben. Aber nicht in 800 Einzelfällen, denn jeder Tote im Ahrtal ist ein Einzelfall. Und es gibt auch nicht „die Polizei“, das ist ebenfalls ein Halbwissen. Es gibt grundsätzlich die Gemeinde als Polizeibehörde, die Landespolizeien (also in jedem Bundesland) und dann noch die Bundespolizei. Selbstverständlich arbeitet „die Polizei“ zusammen, tatsächlich sind es aber verschiedene Behörden und damit gibt es hier auch immer unterschiedliche Kompetenzen, Zuständigkeiten und damit „Reibung“. Die Ermittlungen leitet immer die zuständige Staatsanwaltschaft – auch hier gibt es die der Länder und dann die des Bundes, wobei das nur in Teilen ein „darüber/darunter“ ist – aber das ist Staatsbürgerkunde und geht hier zu weit.
Was also macht die Polizei (hier ist meist die jeweilige Landespolizei gemeint, im Ahrtal war auch die Bundespolizei maßgeblich beteiligt) grundsätzlich?
- Jeder Todesfall wird einzeln aufgenommen,
- identifiziert,
- dokumentiert,
- doppelte Meldungen werden ausgeschlossen.
Was macht die Staatsanwaltschaft?
- leitet Todesermittlungsverfahren,
- gibt der Polizei grundsätzliche oder gezielte Anweisungen
- ordnet Obduktionen an,
- führt die Gesamtübersicht.
Wer behauptet, staatliche Stellen hätten hunderte Todesfälle systematisch verschwiegen, setzt faktisch einen zentral gesteuerten, autoritären Staat voraus – eine Annahme, die mit der Realität föderaler Strukturen unvereinbar ist. Und impliziert einen „Befehl von ganz oben“, denn staatliche Strukturen haben immer eine Leitung.
Standesämter: Die unsichtbare Kontrollinstanz
Jeder Todesfall landet zwingend beim Standesamt:
- Sterbeurkunde,
- Melderegister,
- Personenstandsregister.
Eine angeblich „verheimlichte“ dreistellige Zahl zusätzlicher Toter würde bedeuten, dass diese Menschen in keinem Register existieren. Also nicht nur gestorben sind, sondern nie gelegt haben – völlig eleminiert sind. Das ist verwaltungstechnisch ausgeschlossen. Dazu kommen weitere „Instanzen“, die zwar nicht behördlich sind, aber durch Behörden kontrolliert werden und mit geregelten Verfahren und damit Dokumentationspflichten arbeiten müssen.
Bestatter, Rechtsmedizin – und die soziale Realität
Auch hier wird mitgezählt:
- Jeder Bestatter dokumentiert jeden Fall.
- Jede Obduktion hinterlässt Akten, Gutachten, Befunde.
- Jede Beisetzung ist sichtbar.
Vor allem aber: 800 Tote sind nicht einfach eine Zahl 800
- Es sind Angehörige
- Freunde
- Kolleginnen und Kollegen
- Vereine
- Nachbarschaften
Menschen verschwinden in Deutschland nicht spurlos. Das ist selbst in Diktaturen kaum möglich.
Die Spiegelung: Schuldzuweisung ohne Beleg
Auffällig ist die Umkehrung der Verantwortung: Während staatlichen Stellen massive Vertuschung, Fälschung und systematische Täuschung der Bevölkerung unterstellt werden, bleiben die eigenen Behauptungen quellenlos, unbelegt und folgenlos. Und hier wird es individuell veranwortlich: Jeder, wirklich jeder, der sich an solchen Gerüchten wider den gesunden Menschenverstand, wider eigener Erfahrungen, wider einem voraussetzbaren Wissen um die Organisation unserer Gesellschaft, beteilgt, handelt: veranwortungslos.
Die Wirkung solcher Erzählungen ist jedoch real:
- Sie verunsichern.
- Sie beschädigen Vertrauen.
- Sie delegitimieren staatliche Strukturen.
Die Beweislast wird verschoben:
- Nicht mehr die Behauptung muss belegt werden, sondern das Gegenteil von etwas, was es nicht gibt
Verantwortung statt Raunen
Auffällig ist die Umkehrung der Verantwortung: Während staatlichen Stellen massive Manipulation unterstellt wird, bleiben die eigenen Behauptungen unbelegt. Die Wirkung solcher Erzählungen ist jedoch real. Sie verunsichern, beschädigen Vertrauen und delegitimieren staatliche Strukturen.
Wer sich an der Weiterverbreitung solcher Gerüchte beteiligt, trägt Verantwortung – unabhängig davon, ob dies bewusst oder fahrlässig geschieht.
Fazit
Diese angebliche „Information“ ist nicht deshalb falsch, weil Behörden ihr widersprechen. Sie ist falsch, weil sie jede reale Struktur staatlicher, rechtlicher und gesellschaftlicher Abläufe ignoriert.
Verantwortungsvoller Journalismus prüft, ordnet ein, verwirft und korrigiert. Influencer-Narrative behaupten, emotionalisieren und multiplizieren.
Journalistische Arbeit ist wertvoll – hier können Sie uns unterstützen.
Der Unterschied ist keine Frage der Meinung – sondern der Methode. Und by the way: Niemand hindert Influencer daran, an Behörden Fragen zu stellen, also selbst mit journalistischen Methoden an überprüfbare Information zu kommen. Doch das ist halt Arbeit.
Anm. d. Red.:
Journalistinnen und Journalisten verfügen – ähnlich wie Rechtsanwälte, Ärztinnen oder Geistliche – über ein gesetzlich verankertes Zeugnis- und Auskunftsverweigerungsrecht. Dieses dient dem Schutz von Informationszuträgern („Quellenschutz“), sofern diesen bei Offenlegung ihrer Identität erhebliche Nachteile drohen würden.
Der Quellenschutz ist jedoch kein Freibrief: Er entbindet Journalisten weder von der Pflicht zur sorgfältigen Prüfung von Informationen noch von der Auskunftspflicht zur Verhinderung oder Aufklärung von Straftaten. Zudem ist im Einzelfall stets abzuwägen, ob der Schutz einer Identität gegenüber einem überwiegenden öffentlichen Interesse zurücktritt.
Die namentliche Nennung einzelner Personen in diesem Beitrag erfolgt ausschließlich dort, wo sie selbst als Absender oder Urheber konkreter Aussagen aufgetreten sind. Weitere Informationszuträger werden – unabhängig von Inhalt oder Bewertung ihrer Hinweise – aus Gründen des Quellenschutzes nicht offengelegt.
